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Die neue Aera.

Von k. k. Rittmeister Reska des Ruhestandes.

Die heutige Kriegskunst ist weniger auf die Massen- als auf die Einzelkräfte berechnet, erfordert daher die Ausbildung letzterer Kräfte bis zum Soldaten herab, von welchem nun aber Herr Oberstlieutenant v. Scherff „Studien zur Infanterie-Tactik“, 1873, II., 14 bemerkt: dass es in den zur Disposition der Ausbildung stehenden zwei bis drei Jahren factisch unmöglich ist, jedem Infanteristen in allen möglicherweise von ihm zu verlangenden Kriegsleistungen eine ausreichende Sicherheit zu geben". Er verlangt deshalb, dass der individuellen Befähigung Rechnung getragen, für die Gesammtheit nur das absolut Nothwendige, und nur für die höhere Befähigung ein Weiteres angestrebt werde; wo nun aber die dreifache Frage entsteht: wo 1. das absolut Nothwendige aufhört, und 2. die höhere Befähigung anfängt, dann 3. wie das absolut Nothwendige von einem Weiteren abzusondern, in gewisser Weise abzustufen sei. Denn die militärische Bildung schreitet zwar in gewissen Gradationen fort, die aber so allmälig in einander übergehen, dass sie mehr oder weniger in einander verfliessen, daher sich nicht anders absondern lassen, als dass diese Uebergänge abgeschnitten werden; wo dann allerdings gewisse Abstufungen möglich werden, die indess, mehr auf die Massen- als Einzelkräfte berechnet, der heutigen Kriegführung nicht entsprechen können.

Denn dazu wird es sich um eine militärische Bildung handeln, die mehr auf letztere Kräfte gerichtet, zwar der individuellen Befähigung Rechnung zu tragen hat, ohne sich jedoch in bestimmter Weise abstufen zu müssen; denn nicht nur, dass solche Abstufungen mehr auf die Massen- als Einzelkräfte berechnet sind, so müssen auch erstere Kräfte desto schwächer bleiben, je weniger letztere ausgebildet werden, welche doch jenen zu Grunde liegen. Um daher der individuellen Befähigung Rechnung zu tragen, wird die militärische Bildung unter gewisse Gesichtspuncte zu bringen sein, unter welchen sie verschiedener Gradationen und Combinationen fähig wird, wodurch sich Jeder nach seiner

Organ der milit.-wissenschaftl. Vereine. XV. Bd. 1877.

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Weise und Befähigung ausbilden kann; und das wird nicht anders möglich werden, als dass der Krieg als Handwerk, Kunst und Wissenschaft unterschieden, also unter drei Gesichtspuncte gebracht werde, deren jeder für sich immer höher graduirt, und alle drei mit einander immer weiter combinirt eine militärische Bildung ermöglichen, wie die heutige Kriegführung sie erfordert: eine Bildung, wie sie mithin für die neue Aera angezeigt ist, es sich daher zunächst um den Uebergang von der alten in die neue Aera, d. i. von der Vergangenheit in die Zukunft handeln wird, wie ihn die Geschichte zu erkennen gibt. Wiewohl sie nur über die Vergangenheit aufzuklären vermag, jedoch blos richtig gedeutet zu werden braucht, um auch auf die Zukunft schliessen zu lassen.

Um aber die Geschichte richtig zu deuten, müssen die geschichtlichen Ereignisse nicht sowohl in ihren zufälligen Erfolgen, als in ihren gesetzlichen Entwicklungen betrachtet werden; und das wird nur insofern möglich sein, als die Geschichte nicht nur eine gewisse Gesetzmässigkeit, sondern auch einen gewissen Fortschritt zu erkennen gibt. Und das ist in der That der Fall, wie Hermann Philosophie der Geschichte 1870" beweist, indem er der Geschichte zwar keine solche Gesetzmässigkeit, wie z. B. der Natur zuschreibt, indess S. 48 auch ersterer gewisse Mittel zuerkennt, wodurch sie gewisse Zwecke anstrebt. Er gesteht ihr auch einen Fortschritt zu, der aber durch einen zeitweisen Rückschritt unterbrochen wird; er bezieht diesen Fort- und Rückschritt auf die Cultur und bemerkt S. 73: „Alles dasjenige, was wir unter Cultur oder allgemeiner menschlicher Bildung verstehen, hat zunächst immer einen bestimmten Inbegriff religiöser Vorstellungen, wissenschaftlicher Erkenntnisse, künstlerischer Gestaltungen und handwerksmässiger Erwerbungen zu seiner Voraussetzung."

Er führt hiemit jene gesetzlichen Entwicklungen auf diese viererlei Grundlagen, d. i. auf die Religion, die Wissenschaft, die Kunst und die Handarbeit zurück, wovon wir die erste auf sich beruhen lassen, also uns auf die drei letzten einschränken wollen. Sie kommen in umgekehrter Ordnung, nämlich erst die Handarbeit, dann die Kunst, endlich die Wissenschaft zur Entwicklung, und bewirken so einen Fortschritt mit einem zeitweisen Rückschritt, der zwar wieder zum Fortschritt werden kann, welcher aber wieder von vorn, d. i. von der Handarbeit anfangen, von ihr auf die Kunst übergehen und von dieser zur Wissenschaft fortschreiten muss. Nur dass er dabei an die Standpuncte anknüpfen kann, worauf er alle drei in früheren Perioden gebracht hat, daher nu alle drei nicht nur viel geschwinder, sondern auch viel weiter zu ent

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wickeln vermag, als dies in früheren Perioden geschehen ist; und das ist der Standpunct unserer modernen Cultur, die eben wieder mit der Handarbeit oder, wie der Verfasser sich ausdrückt, mit dem Handwerk beginnt, das „das dominirende Element im europäischen Culturleben geworden ist". Darunter aber ist der gesammte Umfang der technischen oder mechanischen Fertigkeiten" zu verstehen, den unsere Zeit zu seiner höchsten Ausbildung oder Vollkommenheit zu erheben bemüht ist" wie der Verfasser S. 411 bemerkt und fortfährt: „Alle anderen Seiten des neueren Culturlebens treten vor dieser als die weniger wichtigen in die zweite Linie zurück, indem sie sich nur als Ergänzungen und Vervollständigungen zu ihr verhalten." Und da er Kunst und Wissenschaft als diese „anderen Seiten" zu verstehen gegeben, so brauchen wir blos ihre Fortschritte in neuerer Zeit zu erwägen, um zwar das Handwerk noch als herrschendes, die Kunst und Wissenschaft erst als ergänzende Elemente zu erkennen, wovon indess das Handwerk durch die Kunst, sowie diese durch die Wissenschaft so viel gewonnen haben, dass wir den Fort- und Rückschritt dahin formuliren können: dass zwar im Verhältniss, als das Handwerk in die Kunst und diese in die Wissenschaft übergeht, ein Fortschritt erfolgen muss, jedoch in dem Maasse, als dabei das erste in der zweiten und diese in der dritten verloren geht, auch ein Rückschritt entstehen kann. Es wird daher der Fortschritt nur insoweit möglich sein, als zwar das Handwerk so viel möglich in die Kunst, sowie diese in die Wissenschaft überführt wird, jedoch dabei das erste so wenig wie möglich in der zweiten, sowie diese in der dritten verloren geht; und das wird nur insofern möglich werden, als zwar alle drei durch einander immer höher gesteigert werden, jedoch zugleich jedes für sich immer weiter ausgebildet wird. Und da das Handwerk nur eben durch die Kunst, sowie diese durch die Wissenschaft immer höher zu steigern ist, so wird es zwar letztere sein die in letzter Instanz zu entscheiden hat, indess noch so wenig hiezu geeignet scheint, dass sie es erst in der Zukunft werden muss, wie unser Verfasser S. 450 lehrt.

Zwar ist es gerade die Wissenschaft, die unser Zeitalter über alle früheren erhebt; doch sind Natur- und Geisteswissenschaften zu unterscheiden, wovon erstere insoweit zum Handwerk gehören, als sie es waren und sind, wodurch dieses das dominirende Element im europäischen Culturleben geworden ist". Es ist dies durch eine Technik geschehen, die auf Grund dieser Wissenschaften ausgebildet, dadurch eine Vollkommenheit erreicht hat, wie sie in allen Künsten des Friedens und Krieges, nur freilich mit dem Unterschiede ausgesprochen ist, dass,

sie in jenen eben so erspriesslich, als in diesen verderblich wird; namentlich ist es die Waffen technik, die in letzteren so verderblich geworden ist, dass die Naturwissenschaften, wodurch dies geschehen, durch Geisteswissenschaften paralysirt werden müssen, welche das Handwerk zur Kunst zu erheben geeignet sind: zu einer Kunst nämlich, die sich zwar zunächst auf die Waffentechnik zu gründen hat, auch deren Verderblichkeit gegen den Feind hin möglichst auszubeuten sucht, jedoch vom Feinde her möglichst einzuschränken weiss. Zu einer Kunst also, die sich über ein Handwerk erheben muss, das schon aber in den Künsten des Friedens, so schwer zu überwinden ist, dass es noch eben als das dominirende Element in unserem Culturleben erscheint und vollends in jenem des Krieges unüberwindlich wäre, wenn es hier nicht eben so verderblich würde, dass es überwunden werden muss, wenn eine Kriegskunst fortbestehen soll. Und das wird zwar nur durch Geisteswissenschaften möglich werden, die dazu geeignet sind; welche Wissenschaften aber noch eben nicht hiezu geeignet scheinen, es daher erst in der Zukunft werden sollen und so in den Künsten des Friedens vorläufig nur die Naturwissenschaften übrig bleiben, die auch wirklich an der Tagesordnung sind. Sie beschäftigen sich mit den Naturerscheinungen, die sich aber so wechselvoll und veränderlich gestalten, dass sie in ihre Elemente zerlegt werden müssen, um aus ihnen zusammengesetzt werden zu können, wie es die jedesmaligen Umstände mit sich bringen; und das ist insoweit geschehen, als man die verschiedenen Naturkräfte und Stoffe erforscht, die sich in einer Art mit einander verbinden und von einander trennen, dass dadurch jene Erscheinungen in gewisser Weise bestimmbar werden. Und das scheint insofern nicht schwer, als diese sämmtlichen Kräfte und Stoffe nach bestimmten Gesetzen wirken, also sich nach diesen Gesetzen bestimmen, in gewisser Art berechnen lassen; doch wird dies nur in Beziehung auf die einzelnen Kräfte und Stoffe und nicht auf ihre Verbindungen und Trennungen möglich, wodurch verschiedene Erscheinungen entstehen. Welche Erscheinungen nämlich erst durch die Erfahrung sichergestellt sein müssen, bevor sie aus ihren Kräften und Stoffen berechnet werden können und so wie Naturwissenschaften als Erfahrungswissenschaften erscheinen, und als solche nicht nur allen stofflichen Gewerben zu Grunde liegen, sondern auch allen geistigen Wissenschaften zum Muster dienen. Und wie dadurch weder das Handwerk so einfach, noch die Wissenschaft so verwickelt wird wie man jenes wünscht und diese wähnt, wird sich in Beziehung auf den Krieg aus dem Wesen beider ergeben, wie wir dieses zu entwickeln versuchen.

Um hiezu mit dem Handwerk zu beginnen, so sagt Hermann S. 456: „Das Handwerk als solches ist, nach seiner praktischen Bedeutung ein nüchternes, schwungloses und prosaisches Geschäft, theils weil es keine anderen Kräfte, als einen ernstlichen Willen und hinlänglichen Verstand in Anspruch nimmt, theils weil es der egoistischen Gewinnsucht und dem sinnlichen Wohlleben zur Unterlage dient. Das Handwerk war deswegen auch früher mit einem Makel des Niedrigen, Unwürdigen oder Gemeinen behaftet. . . . Erst in unserer Zeit ist es geadelt worden."

Auch das Kriegs handwerk ist „ein nüchternes, prosaisches Geschäft", das aber nicht nur einen weit festeren Willen und höheren Verstand in Anspruch nimmt, sondern auch einen patriotischen Sinn und militärischen Geist zur Voraussetzung hat; es war daher so wenig „mit einem Makel des Niedrigen und Gemeinen behaftet", dass vielmehr „in früheren Zeitaltern nur die auf den Krieg oder den Staat Bezug habende Thätigkeit als das wahrhafte und würdige Beschäftigungsgebiet des freien oder gebildeten Mannes galt", wie Hermann an obiger Stelle bemerkt. Daraus aber hat sich, was das Kriegshandwerk betrifft, ein ritterlicher Geist entwickelt, der nun freilich, so sehr er einer Armee zur Zierde dient, so wenig im Kriege zum Siege führt: so dass er unserer Armee, die ihn so treulich bewahrt, kaum einen anderen Gewinn gebracht, als dass er sie im Unglück aufrecht hielt. Und ob schon dieser Gewinn gross genug ist, um jenem Geiste seine Wichtigkeit zu garantiren, so ist er doch nur dem moralischen Element wirklich nützlich, ja dem intellectuellen insoweit schädlich, als der einstige Ritterstolz letzteres Element verschmäht - wie uns Platner „Aphorismen" 1800, II., 561 in folgender Charakteristik dieses Stolzes lehrt: Sein Gegenstand ist die Art der Herzhaftigkeit, welche Bravour genannt wird und, bei einem reizbaren, durch Leibesstärke unterstützten Ehrgefühl ebenso fertig ist zur Vertheidigung und Rache, als aufgelegt, sich überall bedroht oder beleidigt zu glauben."

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Dies der ritterliche Geist noch heute, wo er mit diesem Ritterstolze zusammenfällt, als dessen "Vornehmste Züge" der Verfasser S. 562 bezeichnet: „Eine ausschliessend hohe, mit mancherlei Grundsätzen und Gefühlen verwebte Meinung von der ritterlichen, d. h. an die Bravour geknüpften Ehre. Grosse Ansprüche auf Auszeichnung, theils vermöge des Standes, theils vermöge der sich fühlenden Kraft. Ehrsüchtige Geneigtheit zu Händeln. . . . Grosse Anmassung von Willkür und Unabhängigkeit; ausgenommen da, wo die Unterordnung ritterlich und rechtlich und insofern von dem Ehrgefühle selbst vorgeschrieben ist.

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