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unveränderliche Gesetze binden zu lassen letzteres nicht, weil die Kriegskunst insbesondere zu vielen Zufällen unterliegt, um sich an veränderliche Erfahrungen halten zu können. Umsoweniger, als sich diese Erfahrungen so häufig widersprechen, daher sich so selten sicherstellen lassen, dass die letzten Kriege eine einzige, und selbst diese nur einseitig geliefert haben, wie uns Herr General-Lieutenant von Hanneken gelehrt. So bleibt uns nur eben jener militärische Charakter, jener denkende, nach Motiven wollende und handelnde Geist, und dazu eine militärische Bildung übrig, welche einen solchen zu erzeugen sich eignet; wozu nun aber eine Selbständigkeit im Einzelnen, mit einer Uebereinstimmung im Ganzen nöthig ist, wie sie nur durch eine gleichförmige Bildung möglich wird, die unter gleichen Umständen gleiche Gedanken zu erzeugen, und hiemit gleiche Urtheile zu bilden fähig ist. Eine Bildung, die nun freilich, um der Selbständigkeit nicht hinderlich zu werden, Jedem einen gewissen Spielraum lassen muss. deshalb sich bei Jedem mehr oder weniger anders gestalten wird; sie kann daher auch ungleiche Gedanken erzeugen, scheint demnach in einem inneren Widerspruch zu stehen, den man bisher nicht anders zu lösen wusste, als dass man statt einer gleichförmigen Bildung, die gleiche Gedanken ermöglicht, eine gleichförmige Technik versuchte. welche keine Gedanken benöthigt und so das Vorurtheil entstehen liess, dass es eine bestimmte Technik geben müsse, die den Feind schlägt; eine Technik, die ordnungsmässig vorgeschrieben werden müsse, um schulmässig eingeübt werden zu können. Ein Vorurtheil, das nur durch eine Wissenschaft zu überwinden sein wird, welche jenen inneren Widerspruch zu lösen im Stande ist; dazu aber wird es sich nicht sowohl um gleiche Gedanken, als um gleiche Grundsätze handeln, wodurch auch ungleiche Gedanken zu gleichen Resultaten gelangen: um Grundsätze, die zugleich einen militärischen Charakter erzeugen, der uns, nach dem Gange unserer Abhandlung, von der militärischen Bildung auf den ritterlichen Geist führt, welcher dabei noch immer die erste Rolle spielt, auch insoweit immer spielen wird und muss, als die militärische Subordination, in diesem Geiste aufgefasst, eine Ehrensache bleiben muss, wie sie es bisher gewesen ist. Nur dass sie, als solche, dem militärischen Charakter angepasst werden muss, der zu jenem denkenden, nach Motiven wollenden und handelnden Geist geworden ist welcher nun aber mit jenem ritterlichen Geiste so unvereinbar scheint, dass sowohl jener Charakter, als dieser Geist, ein anderer werden muss, als beide bisher gewesen sind; und dazu wird jener Charakter diesen Geist, wenn schon nicht zu eliminiren, doch in einer Art zu modificiren

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haben, dass er mit einer wissenschaftlichen Bildung vereinbar werde, wie jener Charakter sie erfordert: mit einer Bildung, die durch diesen Geist so offenbar verhindert wurde, dass sie uns auf die Kehrseite desselben führt, welche doch einmal zur Sprache kommen muss.

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Zwar war es zunächst der Umstand, dass in früheren Zeitaltern nur die auf den Krieg und Staat bezügliche Thätigkeit als des freien und gebildeten Mannes würdig erachtet wurde, welcher die Kriegskunst der Wissenschaft entfremdete; doch war es erst das Ritterthum, das letztere in einer Weise discreditirte, dass selbe noch heute, in der militärischen Bildung nämlich, mit einer gewissen Zweideutigkeit behaftet ist und so diese Bildung gegen die civile desto weiter zurückbleiben musste, als man bis in die neueste Zeit herein abgesehen von den militärischen Bildungsanstalten zum militärischen Berufe tauglich hielt, was man zu keinem anderen tauglich fand. Und obschon man, namentlich in Preussen, die Ansprüche höher stellte, so musste man selbe auch dort auf ein so bescheidenes Maass reduciren, das nun allerdings für einen Mechanismus hinreichend scheint, als welcher das gesammte Militär- und Kriegswesen, und zwar besonders in Preussen erscheint. Wie verfänglich aber dieser Mechanismus in socialer Beziehung sei, hat uns obiger Schriftsteller gelehrt; und wie noch verfänglicher er in militärischer Hinsicht werde, mögen uns die häufigen Fälle lehren, wo junge Officiere die Zeit der Erholung, um dem mechanischen Drucke der Vorstellungen zu entrinnen", wenn nicht mit rohen Ausschweifungen, doch mit leichtsinnigen Verschwendungen ausfüllen, welche so viele von ihnen in's Verderben stürzen. Ursache genug, um diesen Mechanismus, der die alte Aera charakterisirt, in einen Organismus zu überführen, welcher die neue signalisirt; und da sagt ein anderer Autor wieder in socialer Beziehung: Dieser Process vollzieht sich indessen zumeist nicht ohne harte Geisteskämpfe und ohne vielfachen Widerstand. Das Gesetz der Trägheit, welches die physischen Massen beherrscht, zeigt seine Wirkung auch auf dem Gebiete des Geistes und äussert sich in dem starren Festhalten an den einmal überkommenen Bildungsformen. Die wenigsten Menschen sind geneigt, jenen geistigen ZersetzungsProcess durchzumachen, der von der Auflösung des Alten zur Gestaltung des Neuen hinführt und mit der Feststellung neuer Grundlagen endigt.". Und das gilt denn auch in militärischer Hinsicht.

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Obschon sich hier das starre Festhalten an den überkommenen Bildungsformen" als so unstatthaft erwiesen, dass namentlich die tactischen Formen alles Vertrauen verloren, ohne jedoch das Festhalten an einem Mechanismus zu erschüttern, den man blos in entsprechender

Organ der milit.-wissenschaftl. Vereine. XV. Bd. 1877.

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Weise verändert haben will; und obschon sich auch das als unzulänglich dargethan, so kann man sich doch so wenig entschliessen, „jenen geistigen Zersetzungs-Process durchzumachen", dass Herr General v. Wechmar es schon für ein gewagtes Spiel" hält, nur andere Formen einzuführen. Auch v. d. Lubst hält an einem Mechanismus fest, der auch wirklich unentbehrlich ist, indess „,blos dem Kriegs handwerk förderlich sein kann, und der Kriegs kunst hinderlich werden muss"; und obschon jenes Handwerk erst in dieser Kunst seine Vollendung finden kann, so muss es doch hiezu in einer Art ausgebildet werden, wie dies in Preussen seit lange so consequent geschieht, dass es bereits im Uebergange zur Kunst begriffen ist ja bereits zu einer solchen geworden scheint, ohne jedoch jenen geistigen Process" eingegangen zu sein, ohne welchen diese Kunst so wenig in's Klare kommen kann, dass sie in der That in Verwirrung gekommen ist: in eine Verwirrung, die nur durch eine Wissenschaft zu lösen sein wird, welche erst jenen geistigen Zersetzungs-Process zu vollziehen vermag, dabei aber so viele Hindernisse findet, dass wir blos das grösste derselben berühren können. Es liegt in jener geistigen Trägheit, die, wenn auch nicht mehr an den überkommenen Formen festhalten kann, doch sich nicht von dem ominösen Vorurtheile abbringen lässt, dass es eine bestimmte Technik geben müsse, die den Feind schlägt"; sie wird darin durch eine Literatur bestärkt, die, so widersprechend sie immer sei, doch gründlich genug ist, um eine Hoffnung zu unterhalten, welche, wenn durch jene Widersprüche noch so oft getäuscht, doch durch diese Gründlichkeit immer wieder angeregt und so die militärische Bildung in einem Zustande erhalten wird, der sich selbst in Preussen als ein Rückschritt zu erkennen gibt, gegen welchen zwar die Militär-Journalistik hie und da anzukämpfen scheint, jedoch die militärische Literatur, und nicht das militärische Publicum dafür verantwortlich macht. Und zwar ist es nicht die vermeintlich praktische Literatur, die in's Handwerk, sondern die angeblich theoretische, welche in die Wissenschaft einschlagend, zur Verantwortung gezogen wird; wiewohl es weniger die Wissenschaft selbst, als ihre Form ist, die einer Kritik unterzogen wird, welche nur zu geeignet ist, auch erstere zu discreditiren. Umso mehr, als es sich nicht sowohl um eine Wissenschaft, als um eine Kunst handelt, die keiner Wissenschaft zu bedürfen scheint, wie dies in der Kriegskunst angenommen wird. Und wirklich kann die Wissenschaft überhaupt nur als Vorbereitung auf die Kunst" dienen, wie Herbart bemerkt, und zwar beifügt: „Im Handeln nur lernt man die Kunst, erlernt man Tact, Fertigkeit, Gewandtheit, Geschicklichkeit" jedoch hinzusetzt: „aber

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selbst im Handeln lernt die Kunst nur der, welcher vorher im Denken die Wissenschaft gelernt". Wir können daher erst zu einem richtigen Handeln kommen, nachdem wir zu einem richtigen Denken gelangt, müssen uns deshalb zunächst über die Wissenschaft verständigen, von welcher unser Autor fortfährt: Man muss daher von der Vorbereitung keineswegs erwarten, dass man aus ihren Händen als unfehlbarer Meister der Kunst hervorgehen werde. Man muss nicht einmal die speciellen Anweisungen des Verfahrens von ihr verlangen. Man muss sich zutrauen, das Einzelne, was jeden Augenblick zu thun sein wird, im Augenblick selbst treffen zu können." . . . Und dazu eben bedarf es einer Vorbereitung, und hiezu einer Wissenschaft, wobei es sich wohl auch um die Form handeln wird, von welcher aber L. Stein sagt: „Bei allen wissenschaftlichen Darstellungen hört man stets den Satz: es ist im Grunde gleichgiltig, in welcher Form und Ordnung die Wissenschaft dargestellt werde, wenn nur diese Darstellung die Sache selbst nach allen Seiten hin klar mache. Diese Meinung müssen wir berühren, weil die meisten Menschen grosse Neigung haben, entweder den Mangel ihres Verständnisses auf die Form zu schieben, oder aber die Form für die Schwierigkeiten und Mühen verantwortlich zu machen, die ihnen die Sache selbst gemacht hat; als ob es eine gründliche Untersuchung in irgend einem Theil des Wissens gäbe, die man durch irgend eine Form zu einer leicht verständlichen machen könnte!" Und das erst eigentlich ist jenes grösste Hinderniss, das einer Wissenschaft entgegensteht, die man zwar zu schätzen weiss, aber mühelos zu gewinnen wünscht, ein Wunsch, der sich nicht anders erklären lässt, als dass man eine Wissenschaft, die das Denkvermögen in Anspruch nimmt, mit einem Handwerk verwechselt, welches im Gedächtniss sein Genüge findet und so jenes Hinderniss auf ein Missverständniss hinausläuft, dessen Aufklärung wir durch diese Abhandlung eingeleitet zu haben glauben, auch in einer Fortsetzung durchzuführen versuchen würden, wenn wir ein Vorurtheil zu überwinden hoffen dürften, welches der militärischen Bildung, wie der künftigen Kriegführung gleich hinderlich ist.

Denn wie einst der Zwang durch das Ehrgefühl überwunden werden musste, um das moralische Element zur Herrschaft zu bringen, so wird künftig das Handwerk durch die Wissenschaft zu überbieten sein, um das intellectuelle an die Spitze zu bringen. Dies der nächste Fortschritt der Geschichte, der freilich durch einen noch näheren Rückschritt bedroht scheint, welcher wenigstens in unserer Armee nur durch ein allgemeines Zusammengreifen zu verhüten sein wird.

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Ueber den Einfluss der Nacht auf die Unternehmungen im Kriege.

Nach zwei im militär-wissenschaftlichen Vereine zu Laibach im Jahre 1877 gehaltenen Vorträgen, von Major Arthur von Bolfras des k. k. Generalstabs-Corps.

Der kriegserfahrene Militär weiss

ganz abgesehen von dem Unterschiede, welcher zwischen blinden und scharfen Schüssen herrscht

den immensen Abstand zu schätzen, der zwischen Frieden und Krieg, der Darstellung des Krieges als militärischer Schulung und der Wirklichkeit liegt.

Die rationelle Heeres-Ausbildung muss es sich zur Aufgabe machen, den Soldaten - so weit dies irgend möglich ist für den Krieg derart vorzubereiten, dass er in den Tagen der Gefahr und des blutigen Ernstes durch die Menge neuer Erscheinungen, welche die wechselvolle Thätigkeit im Kriege mit sich bringt, nicht wesentlich beeinflusst werde, dass er all' diese Erscheinungen gleichsam als alte Bekannte begrüsse, sich ihnen gegenüber zu benehmen wisse. Wir wollen ja den Soldaten im Frieden aguerriren, und zwar heut zu Tage weit mehr als ehedem, da die modernen Kriege einen rascheren, gewaltsameren Verlauf nehmen als selbst jene grossen Kämpfe, welche zu Beginn unseres Jahrhundertes geführt worden sind.

Wir kennen im Grossen und Ganzen die Mannigfaltigkeit störender Einflüsse, welche unseren kriegerischen Unternehmungen jeder Art wie ein Bleigewicht anhängen wir bezeichnen sie kurz als Friction. Froh für einen etwas umständlich zu definirenden Begriff ein schönes Wort gefunden zu haben, sprechen wir auch recht oft von dieser Friction, und zwar je öfter, je gelehrter wir sind oder scheinen wollen.

Mit der Gelehrsamkeit allein, und wäre sie auch eine sehr entwickelte, ist uns aber in den wechsel vollen Lagen des Kriegslebens nicht gedient.

Der Krieg will praktisch betrieben sein - nur wo sich gesunde Theorie und lebenswahre Praxis in allen Schichten des Heeres vereint finden, dort kann von jener Kriegstüchtigkeit die Rede sein, die zum Erfolge führt.

Diese Andeutungen lassen den Gedankengang erkennen, welcher der vorliegenden Besprechung dient; sie gilt einem der vielen Factoren,

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