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Vorsehung aus freier Gnade den versiegelten Stein von des Grabes Thür wälzen würde. Er hatte in fortwährender Bein und Todesangst das Leben eines Verurtheilten geführt, niedergedrückt durch düstre Verzweiflung, heimgesucht von Gespenstern. Der eine Hatte sich oft dem Tode nahe geglaubt; ein andrer wurde beim Gedanken an ein Kreuz von schrecklichen Hallucinationen befallen. *) Andre fühlten in sich das Treiben eines böjen Geistes; alle brachten ihre Nächte zu, die Augen geheftet auf die blutigen Geschichten und leidenschaftlichen Mahnungen des alten Testamentes, im Geiste vernehmend die drohend donnernde Stimme eines schrecklichen Gottes, bis zulegt in ihrem eignen Herzen die Wuth fanatischer Mörder und die schwärmerische Begeisterung prophetischer Seher neu erstand. Auf solche Weise erlosch allmählich die Vernunft; durch vieles Suchen des Herrn gerieth man in Extase. Nach langen Stunden der Erschöpfung fing die irre geleitete und zu sehr angestrengte Phantasie zu arbeiten an: verzückende Bilder, ungewöhnliche Ideen stiegen plötlich auf in dem erhigten Hirn; der Mensch wurde erhoben und tief ergriffen von plöglicher Erregung. So verwandelt, kannte er sich selbst nicht mehr; diese heftigen, zusammenhangslosen, plöblichen Inspirationen, die sich ihm aufdrängten und ihn auf ungebahnte Wege trieben, die ihn so gewaltig durchschauerten und erleuchteten, ohne daß er sie vorhersehen, hindern, beherrschen konnte – er schrieb sie sich nicht selbst zu, er sah in ihnen den Einfluß, das Wirken einer übernatürlichen Macht und gab sich ihnen hin mit schwärmerischem Enthusiasmus und religiöser Energie.

Dazu kam, daß die Natur des Fanatismus sich geändert hatte; der Sectirer Hatte alle Grade der inneren Umwandlung aufgezeichnet und die Eingriffe und die Stufen der Verzückung in eine Theorie gebracht. Er ging ganz methodisch vor, die Vernunft zu verjagen und die Extase auf den Thron zu seßen. George For schrieb ihre Ges schichte, Bunyan stellte ihre Gesetze auf, das Parlament bot dazu das Vorbild, alle Kanzeln rühmten ihre Ausübung. Handwerker, Soldaten, Weiber wurden von ihr erfaßt und unterhielten sich von ihr, indem

*) Carlyle, Cromwells speeches and letters, I, p. 48.

sie sich gegenseitig durch die Einzelheiten ihrer Erfahrung und die Deffentlichkeit ihrer Begeisterung anfeuerten. Ein neues Leben hatte sich entfaltet und das alte gebrandmarkt, geächtet, vernicitet. Alle weltlichen Neigungen wurden unterdrückt, alle sinnliche Lust verboten. Der geistliche Mensch stand allein übrig geblieben auf den Trümmern der Vergangenheit, und das Herz, dem alle Lebensäußerungen unterbunden, alle Ventile verschlossen wurden, schlug und athmete nur noch für eine finstre Gottheit. Der Buritaner wandelte langsam die Straßen daher, die Augen gen Himmel gerichtet, mit langen, eingefallnen, gelbhageren Zügen, das Haar glatt geschoren, braun oder ichwarz gekleidet, einfach und schmuclos, nur um die Blöße zu bedecken. Hatte jemand volle, runde Wangen, jo galt er für lau.*) Der ganze Körper, das Aeußre, selbst der Ton der Stimme sollte den Stempel der Buße und göttlichen Gnade tragen. Der Puritaner sprach in schleppendem, feierlichem, etwas näselndem Tone, als wollte er die Lebendigkeit der Conversation und den natürlichen Wohlflang der Stimme unterdrücken. Seine von biblischen Citaten strotzende Rede, sein den Propheten entlehnter Stil, die der Heiligen Schrift entnommenen Namen, die er sich und seinen Kindern beilegte, gaben Zeugniß, daß, seine Gedanken in der schrecklichen Welt der das Strafgericht Gottes verkündenden Propheten und Seher Lebte. – Von innen verbreitete sich die Ansteckung nach außen. Die Beunruhigungen des Gewissens wurden in Staatsgesetze umgewandelt. Die persönliche Askese

ward zur öffentlichen Tyrannei. Der Puritaner ächtete die Sinnenlust als einen Feind, für sich wie für die andern. Das Parlament ließ die Spielhäuser und Theater schließen, die Schauspieler an Wagen binden und peitschen. Das Schwören wurde mit Geldstrafen belegt, die Maibäume wurden gefällt, die Bären, deren Kämpfe das Volk belustigten, getödtet; die Tünche puritanischer Maurer verhüllte die anstößige Nacktheit der Statuen, die schönen, anmuthigen Volksfeste wurden untersagt. Bei Geldstrafe und körperlicher Züchtigung, die man sogar über Kinder verhängte, wurden Spiele, Tänze,

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*) Der Oberst Hutchinson war eine Zeit lang verdächtig, weil er lange Haare trug und sich gut kleidete.

von Psalmen, die Erbauung durch langweilige Predigten, die Erregung des Glockengeläut, fröhliche Schmäuse, Ringkämpfe, Fagden, überhaupt alle Beschäftigungen und Belustigungen verboten, welche den Sabbath entheiligen könnten. Die Verzierungen, die Gemälde und Statuen, jeg= licher kirchliche Schmuck wurde entfernt, zerstört. Das einzige Vergnügen, das man beibehielt und erlaubte, war das näjelnde Singen gehässiger Streitigkeiten, die rohe Freude an einem Sieg über den Dämon und an der tyrannischen Macht über seine vermeintlichen Helfershelfer. In Schottland, einem fälteren, rauhen Lande, streifte die Intoleranz sogar an kleinliche Grausamkeit; dort nehmlich richtete man bei jedem Mitglied der Familie eine heimliche Ueberwachung des Privatlebens und der geheimen Andachtsübungen ein; man nahm ferner den Katholiken ihre Kinder, verlangte bei Todesstrafe oder Androhung ewigen Gefängnisses die Abschwörung ihres Glaubens und schleppte die Heren scharenweise *) zum Scheiterhaufen. **) Es schien, als ob eine schwarze Wolfe sich auf das menschliche Leben niedergesenft habe, jedes licht dämpfend, jede Schönheit verdunkelnd, jede Freude verlöschend, eine Wolke, nur hier und da erhellt durch das

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*) 1648; 30 an einem Tage. Eine von ihnen gestand, ste sei in einer Versammlung von mehr als 500 Heren gewesen. Pictorial History, III, 489.

**) In 1652, the kirk-session of Glasgow „brot boyes and servants before them, for breaking the Sabbath, and other faults. They had clandestine censors, and gave money to some for this end.“ (Buckle, History of Civilisation I, 346).

Even yearly in the 18th century the most popular divines“ in Scotland affirmed that Satan „frequently appears clothed in a corporeal substance. (Ibid. 367).

No husband shall kiss his wife and no mother shall kiss her child on the Sabbath-day. (Ibid. 385).

The qubilk day the Sessioune caused mak this act, that ther sould be no pypers at brydels etc. (Ibid. 389).

1719. The presbytery of Edinburgh indignantly declares: ,Yea, some have arrived at that height of impiety, as not to be ashamed of washing in water and swimming in rivers upon the holy Sabbath. (Ibid.).

I think, David had never so sweet a time as then, when he was pursued as a partridge by his son Absalom. (Gray's Great and Precious Promises.

Man vergleiche das ganze Kapitel, in welchem Budle die Zustände Schottlande im 17. Jahrhundert nach den Quellen beschrieben hat.

Bligen der Waffen und düsteren Fackelschein, bei welchem man die undeutlichen Gestalten düstrer Despoten, kranker Sectirer, schweigsamer Opfer bemerken konnte.

II.

Gemälde dieser Sitten von einem Fremden. Die Mémoires de Gram

mont. Unterschied der Ausschweifung in Frankreich und in England.

Die Wiedereinseßung des Königs brachte Erlösung. Gleich einem abgedämmten, angeschwolnen Strom stürzte sich der Volksgeist mit furchtbarer Naturgewalt brausend und schäumend in das Bett, das man ihm lange verschlossen hatte, und die Macht der tosenden Fluth riß alle Dämme ein. Die leidenschaftliche Rückkehr zur Sinnlicha keit ertränkte die Moral. Tugend galt für puritanisch; sittlicher Ernst und Fanatismus wurden vermengt und fielen gemeinschaftlich der Verachtung anheim. Durch diese gewaltige Gegenströmung wurden Frömmigkeit und Sittlichkeit zugleich hinweg gespült, zurück blieb nur Verwüstung und Schlamm; die edleren Anlagen der menschlichen Natur verschwanden, es blieb nur das Thierische im Menschen, zügelund führerlos, sich in seinen Begierden über Gerechtigkeit und Scham hinwegsekend.

Wenn wir diese Sitten bei einem Hamilton oder Saint-Evremond finden, so sind sie erträglich. Der französische Firniß täuscht und blendet uns. Bei einem Franzosen ist die Ausschweifung nur zur Hälfte anstößig; wenn bei ihm das Bestialische im Menschen entfesselt wird, so geschieht es nicht in schranfenlosem Exceß; er ist im Grunde nicht eigentlich roh und gewaltig, wie der Engländer. Man kann die schimmernde über ihn gebreitete Eisdecke durchbrechen, ohne die reißende, trübschlammige Flut zu entfesseln, die unter seinem Nachbar braust und tost.*) Der Strom, der zu Tage treten wird,

*) Man vergr. bei Richardson, Swift und Fielding, aber vor allen Dingen bei Hogarth die Schilderung dieser thierisch = sinnlichen Ausschweifungen. Noch vor Kurzem amüsirte man sich bei einem ,finish" in London damit, schöne, zum Bal geschmücte Damen betrunken zu machen und ihnen dann Pfeffer, Senf und Effig einzugeben (Flora Tristan, 1840, Promenades dans Londres Kap. VIII. Augenzeuge.

wird nur selten seine Ufer überströmen und bald freiwillig in sein gewohntes Bett zurückkehren. Der Franzose ist sanft und ruhig, von Natur fein und gesittet, wenig geneigt zu grober, gemeiner Sinnlichs keit; er liebt eine ruhige, ernste Unterhaltung und ist gegen wüste, schmutige Völlerei durch seine Feinheit und seinen guten Geschmack leicht gewappnet. Der Chevalier de Grammont hat zu viel Geist und Tact, um die Orgie zu lieben. Ueberhaupt hat eine Orgie nichts Anmuthiges: Gläserzerbrechen, wüster Lärm, schlüpfrige Zoten, Schlemmerei und Zechgelage haben für fein angelegte Naturen nichts Verlockendes und Anziehendes; der Franzose, wie er in Grammont uns entgegentritt, ist ein geborner Epicuräer, kein Schlemmer und Trunfenbold. Er sucht nicht schrankenlosen Sinnentaumel und bestialische Lust: er will sich amüsiren. Ich weiß wohl, daß er nicht ohne Makel ist. Ich würde ihm meine Börse nicht anvertrauen; er vergißt zu leicht den Unterschied zwischen Mein und Dein; vor allem aber würde ich ihm meine Frau nicht anvertrauen; er ist nicht zu delicat, seine Streiche beim Spiel und bei den Weibern schmecken sehr nach Gauner und Verführer. Doch habe ich Unrecht, in Bezug auf ihn mich solcher Worte zu bedienen, sie sind zu wuchtig und niederschmetternd für eine so zarte, feine, anmuthige Persönlichkeit. Jene drückend schweren Gewänder der Ehre und Schande können nur von ernsten Leuten getragen werden, und Grammont nimmt nichts ernst, weder sich noch die andren, weder die Tugend noch das Laster. Die Zeit angenehm hinzubringen ist sein einziges Bestreben. „Man langweilte sich nicht mehr im Heere“, bemerkte Hamilton, „sobald er da war." Das ist sein Ruhm, sein Stolz, sein Lebenszweck; etwas andres fümmert ihn nicht. Sein Diener bestiehlt ihn; ein andrer Hätte den Schuft an den Galgen gebracht; aber der Diebstahl war gewandt und schlau durchgeführt; er behält den Burschen. Bei seiner Abreise von Eng= land vergißt er seine Braut zu heirathen. Man erwischt ihn in Dover, er kehrt zurück und Heirathet. Das war Bech, aber spaßhaft und lustig, weiter verlangt er nichts. Eines Tages rupft er ohne einen Heller in der Tasche beim Spiel den Grafen von Cameran. Ronnte nun Grammont nach dem Geschehenen sich wie ein gemeiner Lump aus dem Staube machen? Nein, er hat Ehrgefühl, er will

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