Page images
PDF
EPUB

abgemessener Regelmäßigkeit und mit dem offiziellen Glanze einer Prozession entwickelt. Wie die classische Poesie in Pope, so erreicht die classische Proja in ihm ihre Vollendung. Die Kunst kann nicht vollkommener sein, die Natur nicht gewaltsamer eingedämmt werden. Niemand hat die Ideen in strengere Formen eingezwängt; Niemand hat der Dissertation und dem Beweise ein größeres Relief gegeben, Niemand hat despotischer der Erzählung und dem Dialoge die Formen der Argumentation und der Tirade auferlegt; Niemand hat umfassender durch Antithesen und schriftstellerische Phrasen den freien Fluß der Conversation und des Lebens verfümmert. Das ist die Vollendung und die Uebertreibung, der Triumph und die Tyrannei des oratorischen Stils.*) Wir begreifen jest, daß ein oratorisches Zeitalter ihn als Meister anerkennt und daß man ihm in der Beredsamkeit die Palme ertheilt, die man in der Dichtung Pope zuerkennt.

Es bleibt nun noch zu untersuchen übrig, welche Ideen ihn populär gemacht haben. Hier nun verdoppelt sich das Erstaunen eines Franzosen. Vergebens durchblättern wir sein Dictionary, seine acht Bände Essays, jeine zehn Bände Biographien, seine zahllojen Artikel, seine jo jorgfältig gesammelten Unterhaltungen; wir gähnen. Seine Wahrheiten sind zu wahr; wir wußten seine Vorschriften bereits auswendig. Wir lernen von ihm, daß das Leben kurz ist und daß wir die kurze Spanne Zeit, die uns zugemessen ist, benußen sollen, **) daß eine Mutter ihren Sohn nicht wie einen Stuter erziehen, daß der Mensch seine Fehler bereuen und doch den Aberglauben vermeiden jou, daß wir in

*) Folgende berühmte Stelle möge eine Idee dieses Stiles geben:

We were now treading that illustrious island which was once the luminary of the Caledonian regions, whence savage clans and roving barbarians derived the benefits of knowledge and the blessings of religion. To abstract the mind from all local emotion would be impossible if it were endeavoured, and would be foolish if it were possible. Far from me and my friends be such rigid philosophy as may conduct us indifferent and unmoved over any ground which has been dignified by wisdom, bravery, or virtue. The man is little to be envied whose patriotism would not gain force on the plains of Marathon, or whose piety would not grow warmer among the ruins of Iona.

**) Rambler, 108, 109, 110, 111.

allen Dingen thätig aber nicht hastig sein sollen. Wir bedanken uns bei ihm für diese weisen Rathschläge, aber wir sagen uns ganz leise, daß wir sie hätten entbehren können. Wir möchten gern wissen, wer die Freunde der Langenweile gewesen sein könnten, die auf einmal dreizehntausend Eremplare davon gekauft haben. Wir erinnern uns da, daß in England die Predigten gefallen, und diese Essays sind Predigten. Wir werden finden, daß mit Ueberlegung handelnde Menschen feine fühnen und pikanten Ideen, wohl aber handgreifliche und gewinnbringende Wahrheiten nöthig haben. Sie verlangen, daß man ihnen einen nüßlichen Vorrath authentischer Documente über den Menschen und sein Leben liefere, und verlangen nichts weiter. Wenig kommt es das rauf an, ob die Idee alltäglich sei; Brot und Fleisch sind auch alltäglich und nichts destoweniger gut. Sie wollen über die Arten und die Grade des Glücks und des Unglücks belehrt werden, über die Mannichfaltigkeit und die Folgen der Verhältnisse und Charaktere, über die Vortheile und Nachtheile der Stadt und des Landes, des Wissens und der Unwissenheit, des Reichthums und des Mittelstandes, weil sie Moralisten unto Utilitarier sind, weil sie in einem Buche Aufschlüsse suchen, die sie von der Thorheit abbringen, und Motive, die sie in der Rechtschaffenheit bestärken, weil sie in sich den sense pflegen, das heißt den praktischen Verstand. Ein wenig Fiction, einige Bilder, die kleinste, anmuthige Verzierung werden zu seiner Ausschmückung genügen; diese kräftige Nahrung braucht nur eine sehr einfache Würze; es ist nicht die Neuheit der Gerichte, nicht die ledere Küche, sondern die kräftige Derbheit und Zuträglichkeit, die man sucht. Aus diesem Grunde sind die Essays eine nationale Nahrung. Weil sie für uns geschmaclos und schwer: fällig sind, gewöhnt sich der Geschmack eines Engländers daran; jeßt verstehen wir, warum sie zu ihrem Liebling erwählen und als Philosophen verehren den verehrungswürdigen und unerträglichen Samuel Johnson.*)

Ich möchte gern alle diese Züge vereinigen, Gesichter sehen; nur die Farben und die Formen vollenden eine Idee; um zu erkennen, muß man sehen. Laßt uns in die Gemäldegallerie gehen: Hogarth,

*) Man vergleiche seine Biographie von Boswell, 4. B.

der Nationalmaler, der Freund Fieldings, der Zeitgenosse Johnsons, der treue Nachahmer der Sitten, wird uns das Reußere zeigen, wie sie uns das Innere gezeigt haben.

Wir betreten diese großen Kunstsammlungen. Welch' eine edle Kunst ist doch die Malerei! Sie verschönert Alles, selbst das Laster. An den vier Wänden, unter den durchsichtigen und glänzenden Glasscheiben richtet sich der Torso auf, das Fleisch zuckt, der warme Thau des Blutes circulirt unter der geaderten Haut, ausdruckvolle Gesichter heben sich im Lichte ab; es scheint, als ob das Häßliche, das Vulgäre und das Widerwärtige aus der Welt verschwunden. Ich beurtheile nicht inehr die Charaktere, ich lasse die moralischen Regeln bei Seite. Ich fühle mich nicht länger versucht, zu billigen oder zu hassen. Ein Mensch ist hier nur ein Farbenfleck, höchstens eine Gliederung von Muskeln; ich weiß nicht mehr, ob er ein Mörder ist.

Das Leben, die glückliche, volle, überströmende Entwickelung, die Entfaltung der natürlichen und körperlichen Kräfte, das überflutet von allen Seiten die Augen und erfreut sie. Unsere Glieder bewegen sich unwillkürlich in ansteckender Nachahmung der Bewegungen und For

Vor jenen Löwen von Rubens, deren tiefes Gebrül wie ein Donner der Deffnung der Höhle zurollt, vor jenen colossalen, sich frümmenden Reibern, vor jenen Schnauzen, die in Schädeln wühlen, ers zittert in uns das Thierische aus Sympathie, und es ist uns, als ob sich unserer Brust ein Schrei entringen wollte, der ihrem Gebrülle gleicht.

Mag auch die Kunst entartet sein; selbst bei Franzosen, bei Epi= grammendichtern, bei gepuderten Abbés des achtzehnten Jahrhunderts ist sie noch Kunst. Die Schönheit ist geschwunden, aber die Anmuth bleibt. Jene hübschen Schelmengesichter, jene feinen Wespentaillen, jene zarten, in ein Nest von Spigen getauchten Arme, jene sorglosen Promenaden unter Bosquets und plätschernden Fontainen, jene galanten Träumereien in einem hohen, mit Guirlanden bekränzten Gemache, diese ganze feine und coquette Gejellschaft ist noch reizend. Der Künstler pflückt, jeßt wie früher, in den Dingen die Blumen und fümmert sich nicht um das Uebrige.

Aber Hogarth, was hat er gewollt? Wer hat je einen solchen

Maler gesehen? Ist das ein Maler? Die anderen erregen in uns die Lust, zu sehen, was sie darstellen; er erregt die Lust, nicht zu sehen, was er darstellen will.

Gibt es etwas Anmuthigeres zu malen, als ein nächtliches Trintgelage, gutmüthige, sorgloje Zechergesichter und das reiche, durch Schatten gemilderte Licht, das auf zerknitterten Kleidern und schwerfälligen Körpern spielt? Bei Hogarth dagegen, welche Gesichter! Bosheit, Stumpfsinn, all' das gemeine Gift der gemeinsten menschlichen Leidenschaften tropft und träufelt von ihnen herab. Der eine steht da mit schlotternden Beinen; es wird ihm übel und ein Aufstoßen öffnet halb jeine sich erbrechenden Lippen; ein Anderer heult rauh wie ein bösartiger Bullenbeißer; ein dritter, mit kahlem und gespaltenem, stellenweise zugeflicktem Schädel, fällt vorwärts auf seine Brust, mit dem Lächeln eines kranken Blödsinnigen. Man blättert weiter in den Wer= ken Hogarths, und die Reihe häßlicher und bestialischer Physiognomien ideint sich zu verlängern und fein Ende zu nehmen: verzerrte oder mißgestaltete Gesichtszüge, klumpige oder von schwißendem Fleische schwülstige Stirnen, häßliche, durch ein wildes Lachen grinsend verzerrte Mundöffnungen; dem einen ist die Nase eingeschlagen; der nächste, ein einäugiger, vierschrötiger Mensch, dessen Gesicht über und über mit blutigen, finnigen Warzen bedeckt ist und unter der grellen Weiße seiner Perrücke noch röther aussieht, raucht voll Grimm und. Spleen schweigsam seine Pfeife; ein anderer, ein feuerroth aussehender, aufgedunsener Greis mit seiner Krücke, dessen Kinn bis an die Brust hervorsteht, blickt mit den starrenden und stechenden Augen einer Krabbe umher. Hogarth zeigt das Thier im Menschen, ja noch schlimmer, er zeigt das tolle oder blutgierige, das entkräftete oder wüthende Thier. Man betrachte jenen Mörder, der, gebeugt über den Leichnam seiner erwürgten Geliebten, mit verdrehten Augen und verzerrtem Munde die Zähne fletscht bei dem Gedanken an das Blut, das ihn bespritzt und anklagt; oder jenen ruinirten Spieler, der sich soeben seine Berrücke und sein Halstuch abgerissen hat und mit festaufeinander gebissenen Zähnen und mit gegen den Himmel geballter Faust auf den Knien jammert. Man betrachte ferner jenes Tollhaus: den schmutzigen Blödsinnigen mit dem erdfahlen Gesichte, den filzigen Haaren, den besudel

ten Händen, der Geige zu spielen glaubt und sich den Kopf mit dem Notenblatte bedeckt hat; den Abergläubischen, der sich krampfhaft mit gefaltenen Händen auf seinem Strohlager windet und die Krallen des Teufels in seinen Eingeweiden spürt; den nackten, wildverstörten Tobjüchtigen, den man fesselt und der sich sein Fleisch mit den Nägeln zerkraßt. Abscheuliche Yahoog, die ihr seid, die ihr es wagt, das gejegnete Licht zu usurpiren, in welchem Gehirn habt ihr entstehen können, und warum ist ein Maler gekommen, die Augen mit euerem Anblick zu besudeln?

Weil diese Augen englisch waren und weil die Sinne hier barbarisch roh sind. Lassen wir unseren Widerwillen draußen und bes trachten wir die Dinge, wie man es in diesem Lande thut, nicht von Außen, sondern von Innen. Die ganze Strömung des öffentlichen Denkens ist hier auf die Beobachtung der Seele gerichtet, und die Malerei fließt fortgerissen mit der Literatur in demselben Bette. Man vergesse daher die Konturen, sie sind nur Linien; der Körper hat hier nur den Zweck, den Geist zu versinnlichen *). Jene krumme Nase, jene Finnen auf einem Weingesicht, jene stumpfe Geberde des schlaffen, verthierten Menschen, jene runzeligen Gesichtszüge, jene gemeinen Formen dienen nur dazu, das Naturell, das Gewerbe, die Manie, die Gewohnheit deutlicher Heraustreten zu lassen. Das sind nicht mehr Slieder und Röpfe, die er uns zeigt, das ist die Ausschweifung, die Trunkenheit, die Brutalität, der Haß, die Verzweifelung, das sind alle Krankheiten und Mißbildungen dieser zu rauhen und zu harten Willensfraft, das ist die tolle Menagerie aller Leidenschaften. Nicht etwa, daß er sie entfessele; dieser rohe, dogmatische und christliche Bourgeois handhabt kräftiger als irgend einer seiner Brüder den berben knüttel der Moral. Er ist ein Rindfleisch essender policeman, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, betrunkene Boxer zu belehren und zu bessern. Für solche Menschen wäre schonende Rücksicht von einem solchen Menschen

*) When a character is strongly marked in the living face, it may be considered as an index to the mind, to express which with any degree of justness in painting, requires the utmost efforts of a great ma ter (Analysis of Beauty.) Iaine, Gesch. der engl. Literatur. II.

29

« PreviousContinue »