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Er ist gesättigt und befriedigt; wie ein Wolf oder wie ein Löwe kümmert er sich um weiter nichts.

Diese ungestüme Heftigkeit riß ihn zu Unbesonnenheiten und Leidenschaftlichkeiten aller Art hin. Seine „Drapiers Letters" hatten Irland gegen die Regierung aufgewiegelt, und die Regierung hatte eben eine Proclamation anschlagen lassen, worin fie Demjenigen, der den „Drapier“ denunciren würde, eine Belohnung versprach. Swift erschien unvermuthet in dem großen Empfangsjaale, brängte sich durch die Gruppen bis zu dem Lord-Lieutenant vor und rief mit zorngeröthetem Gesicht und donnernder Stimme:

„Sehr gut, Mylord-lieutenant, das nenne ich eine glorreiche Heldenthat, die Sie gestern vollbracht haben, diese Proclamation gegen einen armen Krämer, desjen einziges Verbrechen in dem ehrlichen Bestreben besteht, sein Vaterland vom Untergange zu retten."*)

Und er brach unter allgemeiner Stille und Bestürzung in Schmähreden aus. Der Lord, ein Mann von Geist, antwortete ihm ruhig. Vor solchem Strome wendete man sich ab. Dieses verstörte und zerrissene Herz konnte die Ruhe seiner Freunde nicht begreifen. Er fragte sie, ob die Verderbtheit und Niederträchtigkeit der Menschen nicht ihr Fleisch zernagten und ihr Blut austrockneten." Resignation empörte ihn. Seine heftigen, wunderlichen Handlungen entfuhren seinem Schweigen wie Bliße. Er war sonderbar und heftig in Allem, was er that, in seinen Scherzen, in seinen Privatangelegenheiten, im Verkehre mit seinen Freunden, mit Unbekannten; oft hielt man ihn für wahnsinnig. Addison und seine Freunde sahen seit mehreren Tagen in ihrem Café einen wunderlichen Geistlichen, der seinen Hut auf den Tisch legte, eine Stunde lang mit großen Schritten auf- und abging, bezahlte und verschwand, ohne auf Etwas geachtet, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Sie nannten ihn den „verrückten Pfarrer." Eines Abends bemerkt dieser Pfarrer einen Edelmann, der eben aus der Provinz angekommen, geht gerade auf ihn zu und fragt ihn, ohne zu grüßen: „Sagen Sie mir, mein Herr, erinnern Sie sich irgend

*) So, my lord lieutenant, this is a glorious exploit that you performed yesterday, in issuing a proclamation against a poor shopkeeper, whose only crime is an honest endeavour to save his country from ruin.

eines Tages, wo gutes Wetter auf dieser Welt gewesen ist?" Der Andere antwortet erstaunt nach einigen Minuten, daß er sich vieler solcher Tage erinnere. ,,Das ist mehr“, erwiderte Swift, als ich sagen kann: ich erinnere mich keines Wetters, das nicht entweder zu heiß, oder zu kalt, zu feucht oder zu trocken gewesen sei; jedoch Gott der Admächtige richtet es so ein, daß am Ende des Jahres Alles sehr gut ist." Nach diesem Sarkasmus dreht er sich um und geht: es war Swift. – Ein anderes Mal sagte er, als man beim Herzog von Burlington von Tische aufstand, zu der Frau vom Hause: „lady Burlington, ich höre, daß Sie singen können; singen Sie mir Etwas vor." Die beleidigte Dame weigert sich. „Sie wird singen, oder ich werde sie dazu zwingen. Nun, Madame, ich vermuthe, daß Sie mich für einen Ihrer Bettelpfaffen halten. Singen Sie, wenn ich es ihnen befehle.“ Da der Graf zu lachen anfing, brach die Dame in Thränen aus und zog sich zurück. Als Swift sie wieder sah, war sein erstes Wort, das er zu ihr sagte: „Nun, Madame, sind Sie heute ebenso stolz und unfreundlich wie das lette Mal?" Man verwunderte oder belustigte sich über solche Ausbrüche; ich erblicke darin nur Seufzer und Schmerzensschreie, die Erplosion eines langen, gebieterischen oder bitteren Nachdenkens: Das ist das Aufspringen eines ungebändigten Geistes, der erzittert, sich aufbäumt, die Schranken durchbricht, sich verwundet und diejenigen, die ihm in den Weg tommen oder ihn aufhalten wollen, zertritt oder beschädigt. Er endigte in Wahnsinn; er fühlte ihn þerannahen, er hat ihn in gräßlicher Weise beschrieben; er hat im Voraus seinen Efel und seine Bitterkeit gekostet; derselbe blickte aus seinem traurig ergreifenden Antliß, aus seinen schrecklichen und wildverstörten Augen. Das ist das gewaltige und tragische Genie, das die Natur der Geselli djaft und dem Leben als Beute preis gab. Gesellschaft und Leben haben all ihr Gift über ihn ausgegossen.

Er hatte Armuth und Berachtung crduldet schon in einem Alter, wo der Geist sich entfaltet, in einem Alter, wo das Herz so stolz. schwillt *), kaum durch die dürftigen Almosen seiner Familie erhalten, düster und hoffnungslos, seine Kraft und die Gefahren seiner Kraft

*) zu dieser Zeit hatte er bereits the Tale of a Tub entworfen.

schon fühlend. *) Im Alter von einundzwanzig Jahren hatte er als Secretär bei Sir William Temple einen jährlichen Gehalt von zwanzig Pfund Sterling, aß mit den ersten Bedienten an demselben Tische, schrieb pindarische Oden zu Ehren seines Herrn und duldete zehn Jahre lang die Demüthigungen der Dienstbarkeit und die Bertraulichkeiten des Bedientenvolkes; er war genöthigt, einem gichtkranken, eingebildeten Höfling zu schmeicheln, sich den Launen seiner Schwester zu unterwerfen; er war von Todesangst gepeinigt „wenn Sir William Temple kalt und unfreundlich dreinschaute", **) er wurde mit eitlen Hoffnungen hingehalten und mußte nach versuchter Unabhängigkeit die Bedientenkleidung wieder annehmen, die ihn erstickte. „Wir armen Schlucker, die Jüngstgeborenen des Himmels, sind unwürdig seiner Fürsorge; wir sind schon überglücklich, die Brocken und Ueberbleibsel eines Schmauses zu erwijchen. ***) Wenn Ihr merkt, daß die Jahre kommen, ohne eine Hoffnung auf eine Stelle bei Hofe, .... jo rathe ich Euch, auf die Landstraße zu gehen, den einzigen Ehrenposten, den man Euch gelassen hat; da werdet Ihr viele Euerer alten Rameraden treffen und ein kurzes und lustiges Leben führen.“ Und es folgen nun Rathschläge über bas Verhalten, welches sie ein dlagen sollen, wenn man sie zum Galgen führen wird. Das sind seine „Directions to Servants“; er erzählte hier nur, was er selbst gelitten hatte. Im Alter von einunda dreißig Jahren hoffte er eine Stelle vom Könige Wilhelm III. zu er

*) Er sagte zur Muse:

Wert thou right woman, thou should'st scorn to look
On an abandon'd wretch by hopes forsook,
Forsook by hopes, ill fortune's last relief,
Assign'd for life to unremitting grief,
To thee I owe that fatal bend of mind
Still to unhappy restless thoughts inclined;
To thee what oft I vainly strive to hide,

That scorn of fools, by fools mistook for pride. **) Don't you remember how I used to be in pain when sir William Temple would look cold and out of humour for three or four days, and I used to suspect a hundred reasons ? I have plucked up my spirit since then, faith. He spoiled a fine gentleman. ***) Poor we! cadets of Heaven, not worth her care,

Take up at best with lumber and the leavings of a fare.

halten; er gab die Werke seines Gönners heraus, widmete sie dem Souverain, überreichte ihm eine Bittschrift, erhielt Nichts und mußte wieder eine Stelle als Privatsecretär bei Lord Berkeley annehmen, wo er zugleich Haus-Kaplan war und tief den Ekel empfand, den eine folche Rolle als geistlicher Diener damals einem Manne von Gefühl einflößen mußte. Die Magd Harris *) sagt: „Ihr wißt, ich verehre die geistliche Tracht; ich will eine Pfarrersfrau werden; möchten mir Ew. Excellenz einen Brief für den Herrn Kaplan mitgeben". **) Seine Excellenz hatten ihm das Decanat von Derry versprochen, gaben es aber einem Anderen. Er warf sich auf die Politik und schrieb ein Whigpamphlet, „A Discourse on the Contests and Dissensions in Athens and Rome,“ erhielt von Lord Halifar und den Parteiführern eine Menge schöner Versprechungen: und dabei blieb es. Zwanzig Jahre voller Kränkungen ohne Rache, voller Erniedrigungen ohne Unterlaß, der innere Sturm erst genährter, dann vernichteter Hoffnungen; lebhafte und glänzende, durch den Zwang eines mechaniiden Berufes plöglich verblichene Träume; die Gewohnheit zu leiden und zu hassen, die Nöthigung, seinen Haß und seine Leiden zu verbergen; das kränkende Bewußtsein der Ueberlegenheit, die Fjolirung tes Genies und des Stolzes, die Bitterkeit aufgehäuften Grimmes und verhaltener Verachtung - das sind die Stacheln, die ihn wie einen Stier aufgereizt haben. Mehr als tausend Pamphlete in vier Jahren erbitterten ihn mit Bezeichnungen wie Abtrünniger, Verräther, Atheist noch mehr. Er zertrat sie Ale, feßte seinen Fuß auf die Whigpartei und stillte seinen Haß mit der pikanten Freude des Sieges. Wenn sich je eine Seele mit der Lust am Zerreißen, am Schmähen und Zerstören gesättigt hat, so war es die seinige. Ein Uebermaß von Verachtung, eine unbarmherzige Ironie, eine niederschmetternde Logik, das höhnische Lächeln des Kämpfers, der im Voraus die Stelle sieht, wo er seinen Gegner bis zum Tode verwunden wird, der auf ihn losgeht und ihn in Muße, Erbitterung und Wohl

*) Mistress Harris's petition.
**) You know I honour the cloth; I design to be a parson's wife..

And over and above, that I may have your excellencies letter
With an order for the chaplain aforesaid, or instead of him a better.

gefallen martert, das sind die Gefühle, von denen er durchdrungen war und die mit solcher Schroffheit zum Ausbruch kamen, daß er sich feine Carrière felbft verschloß, *) daß von so viel hohen Stellen, nach welchen er seine Hand ausstreckte, ihm nur ein Decanat in dem elenden Irland übrig blieb. Die Thronbesteigung Georg's I. verbannte ihn dorthin; die Thronbesteigung Georg's II., auf die er gerechnet hatte, verwies ihn dorthin. Er kämpfte hier zunächst gegen den VolksHaß, dann gegen den siegreichen Minister, dann gegen die ganze Menschheit in beißenden Pamphleten, in tollkühnen Satiren; er kostete hier noch einmal die Freude zu kämpfen und zu verwunden in vollen Zügen; **) er duldete hier bis an sein Ende, verdüstert durch das zu= nehmende Alter, durch das Schauspiel der Unterdrückung und des Elends, durch das Gefühl seiner Ohnmacht, wüthend, „unter Sclaven leben zu müssen“, gefesselt und besiegt. Er sagte:

„Jedes Jahr oder vielmehr jeden Monat fühle ich mich mehr zu $aß und Rache geneigt, und meine Wuth ist so unedel, daß fie fich sogar berabwürdigt, die Thorheit und die Gemeinheit des Sclavenvoltes zu rächen, unter dem ich lebe." ***)

Dieser Aufschrei ist der Abriß seines öffentlichen Lebens; diese Gefühle sind das Material, welches das öffentliche Leben seinem Talente geliefert hat.

Er fand sie heftiger und innerlicher im Privatleben wieder. Er hatte ein reizendes, gebildetes, sittsames Mädchen erzogen, Esther Ichnson, der er in reiner Liebe zugethan war, die seit ihrer Kindheit ihn allein geliebt und verehrt hatte. Sie wohnte bei ihm, er hatte sie zu seiner Vertrauten gemacht. Während seiner politischen Kämpfe schickte er ihr von London das vollständige Tagebuch seiner geringfügigsten Handlungen; er schrieb täglich zweimal an sie mit außerordentlicher Vertraulichkeit und Hingebung, mit all der Lebhaftigkeit

*) Bei der Geistlichkeit durc The Tale of a Tub, bei der Königin durch die Prophesy of Windsor.

**) Drapiers Letters, Gulliver's Travels, Rhapsody on Poetry, A Modest Proposal, und verschiedene andere Pamphlete über Irland.

***) I find myself disposed every year or rather every month to be more angry and revengeful; and my rage is so ignoble that it descends even to resent the folly and baseness of the enslaved people among whom I live.

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