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„Am fünften Tage des Monats, den ich dem Brauche meiner Vorjahrest gemäß stets heilig halte, bestieg ich, nachdem ich mich gewaschen und meine Morgenandacht verrichtet hatte, die hohen Hügel von Bagdad, um den Reft des Tages in Nachdenken und Gebet zu verbringen. Während ich nun hier auf den Bergen frische Luft schöpfte, fiel ich in eine tiefe Betrachtung über die Nichtigkeit des menschlichen Lebens; und von einem Gedanken zum andern idweifend sagte ich mir: Sicherlich, der Mensch ist nur ein Schatten und das Leben ein Traum. Während ich so sann, warf ich meine Augen auf den Gipfel eines Felsens, der nicht weit von mir lag, und erbliďte daselbst eine Gestalt, die wie ein Schäfer gekleidet war und ein kleines Musikinstrument in der Hand hatte. Während ich ihn betrachtete, führte er dasselbe an seine Lippen und begann darauf zu spielen. Der Ton klang unendlich süß und ging in verschiedene Weisen über, die unausspredlich melodis und gänzlich verschieden waren von dem, was ich je gehört hatte. Sie ließen mich an jene himmlischen Melodien denken, welche die abgeschiedenen Seelen der Gerechten bei ihrem ersten Eintritt in das Paradies empfangen, um die Erinnerung an ihren lebten Todeskampf zu verwischen und sie auf die Freuden dieses seligen Ortes vorzubereiten. Mein Herz zerfloß in heimlicher Entzüdung.

Der Genius führte mich dann auf den höchsten Felsengipfel, stellte mich auf die Spiße und sprach zu mir: Richte deine Augen oftwärts und sage mir, was du fiebst.

Ich sehe, antwortete ich, ein unermeßlich weites Thal und einen ungeheuren Wasserstrom, der dasselbe durchfließt. Da sagte er: Das Thal, welches du siebst, ist das „Thal des Elends“, und der Wasserstrom, den du ers blicfft, ist ein Theil des großen Stromes der Ewigkeit. Warum, sprach ich, entfließt der Strom, den ich sehe, an dem einen Ende einem dicken Nebel und verliert sich wieder in einen dicken Nebel am andern Ende? - Was du siebst, sagte er, ift der Theil der Ewigkeit, der Zeit genannt ist, abgemessen durch die Sonne und reichend von der Welt Anfang bis zu der Welt Ende. Betrachte jetzt, fuhr er fort, diese See, die an ihren beiden Enden von Finsterniß begrenzt ist, und sage mir, was du dort entdedft. — Id sebe, erwiderte ich, eine Brüde, die sich mitten im Strome erhebt. Die Brüde, welche du siebst, sprac er zu mir, ist das menschliche Leben; betrachte sie aufmerksam. Nachdem ich sie mit mehr Muße angeschaut hatte, fand ich, daß sie aus siebzig unversehrten und aus mehreren zerbrochenen Bogen bestand, die mit den anderen ungefähr die Zahl Hundert ausmachten. Als ich die Bogen zählte, theilte mir der Senius mit, daß diese Brüđe anfangs aus tausend Bogen bestanden, daß aber eine große Flut die anderen weggerissen und die Brüde in dem zerfallenen Zustande zurückgelaffen babe, in dem ich sie jeßt schaute. Aber sage mir weiter, was du auf ihr erbli&ft. Ich sebe, antwortete ich, eine Menge Leute darüber gehen und eine schwarze Wolke an jedem Ende hängen. Als ich dann noch aufmerksamer hins schaute, sah ich, wie mehrere der Wanderer durch die Brüde in den großen Strom stürzten, der darunter floß, und bald erkannte ich, daß da unzählige Falthüren in der Brücke verborgen lagen, durdy welche man, sobald man sie nur betrat, in den Strom fiel und sofort verschwand. Diese Fallen waren beim Eingang zur Brüđe sehr dicht, sodaß ganze Haufen der Ankommenden, nachdem

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sie kaum aus der Wolke herausgetreten waren, sofort verschlungen wurden. Sie wurden seltener nach der Mitte zu, aber gegen die letzten unversehrten Bogen hin mehrten sie fich und lagen enger an einander.

Zwar gab es auch eine, jedoch nur kleine, Anzahl von Personen, die sich bis zu den zerbrodenen Bogen fortschleppten, aber nach einem so langen Weg ganz erschöpft und ermattet nad einander hineinstürzten ....

Ich verbrachte einige Zeit in der Betrachtung dieses wunderbaren Baues und der großen Mannichfaltigkeit des gebotenen Anblids. Mein Herz füllte fich mit tiefer Søwermuth, als ich sah, wie mehrere der Wanderer ganz unerwartet mitten in Freude und Jubel hineinstürzten und zu ihre“ Rettung sich überall anklammerten, wo sie nur konnten. Andere hatten in gedankenvoller Stellung die Augen gen Himmel gerichtet, ftolperten mitten in ihrer Betrachtung und ents(wanden dem Blick. Viele jagten geschäftig Schaumblasen nach,

die ihren Augen schimmerten und tanzten; aber oft gerade, wenn sie dieselben zu erhaschen glaubten, wich der Boden unter ihnen und sie versanken ...

ftieß einen tiefen Seufzer aus .... und der Seift, der Mitleid mit mir fühlte, .... hieß mich mein Auge auf jenen dicken Nebel richten, zu welchen der Strom die verschiedenen Generationen der versunkenen Sterblichen trug. Ich that, wie mir geheißen, und sei es nun, daß der gute Geift sie mit natürlicher Kraft gestärkt oder den Nebel zertheilt hatte, der vorher fast unduródringlich diď für sie war, meine Augen saben, wie sich das Thal in seinem fernen Ende öffnete und sich zu einem unermeßlichen Ocean erweiterte, den ein ungeheurer Diamantfelsen durchzog, der ihn in zwei gleiche Theile theilte. Die Wolken lagen noch auf der einen Hälfte, sodaß ich auf dieser Seite nichts entdeden konnte; aber die andere erschien ein weiter, mit unzähligen Eilanden besäeter Ocean. Diese Eilande waren mit Früchten und Blumen bedeckt und von tausend kleinen, glänzenden Gewässern durchschnitten, die sie durchrieselten. Ich konnte Personen unterscheiden, die in herrliche Gewänder gekleidet, mit Blumenkränzen auf dem Haupte unter Bäumen lustwandelten, am Rande der Quellen lagerten oder auf Blumenbetten ruhten; und ich hörte eine verworrene Harmonie von singenden Vögeln, murmelnden Gewässern, menschlichen Stimmen und melodischen Instrumenten. Freude zog ein in mein Herz bei dem Anblick einer so reizenden Scene. Ich wünschte mir die Flügel eines Adlers, um hinfliegen zu können zu diesen seligen Gesilden; aber der Genius sagte mir, daß der Weg zu ihnen nur durch die Pforten des Todes führe, die man jeden Augenblic auf der Brüde fich öffnen fah. Diese Eilande, sagte er, die so frisch und grün por dir liegen, und mit welchen, soweit dein Auge reicht, die ganze Oberfläche des Oceang besået ist, sind zahlreicher als der Sand am Gestade des Meeres; es gibt deren noch Myriaden hinter denen, welche du hier erblicft, weiter hinaus, als dein Auge oder auch nur deine Phantasie reichen kann. Das sind die Wohs nungen der Guten nach dem Tode..... Und sind es nicht Stätten, die werth sind erstrebt zu werden? Scheint das Leben elend, wenn es die Gelegenheit gibt, eine solche Belohnung zu gewinnen? Ist der Tod zu fürchten, der dich zu einem so seligen Ende führt? Denke nicht, der Mensch sei vergeblich geschaffen, da eine folche Ewigteit seiner wartet. Ich betrachtete mit unaussprechlicher lust diese

seligen Eilande. Zuleßt, sprach ich, zeige mir noch, ich bitte did, die Geheimnisse, welche hinter jenen schwarzen Wolten verborgen liegen, die, die andere Seite des Diamantfelsens bedecken. Da der Geist mir keine Antwort gab, so drehte ich mich um, um meine Frage noch einmal zu wiederholen; aber ich fand, daß er mich verlassen hatte; da wandte ich mich wieder der Erscheinung zu, die ich so lange betrachtet hatte; aber an Stelle des brausenden Stromes, an Stelle der Bogenbrüde und der glüdlichen Eilande erblicte ich das lange, hohle Thal von Bagbab, mit Rinters, Schaf- und Kameelherben, die an seinen Abhängen weideten."*)

In dieser ausgeschmückten Moral, in diesem feinen, jo correcten und beredten Verstand, in dieser sinnreichen und edlen Phantasie finde ich im Ab

*) On the fifth day of the moon, which according to the custom of my forefathers I always keep holy, after having washed myself, and offered up my morning devotions, I ascended the high hills of Bagdad, in order to pass the rest of the day in meditation and prayer. As I was here airing myself on the tops of the mountains, I fell into a profound contemplation on the vanity of human life; and passing from one thought to another: Surely, said I, man is but a shadow and life a dream. Whilst I was thus musing, I cast my eyes towards the summit of a rock that was not far from me, where I discovered one in the habit of a shepherd, with a little musical instrument in his hand. As I looked upon him, he applied it to his lips, and began to play upon it. The sound of it was exceeding sweet, and wrought into a variety of tunes that were inexpressibly melodious, and altogether different from any thing I had ever heard. They put me in mind of those heavenly airs that are played to the departed souls of good men upon their first arrival in paradise, to wear out the impressions of the last agonies, and qualify them for the pleasures of that happy place. My heart melted away in secret raptures .

He then led me to the highest pinnacle of the rock, and placing me on the top of it: Cast thy eyes eastward, said be, and tell me what thou seest. I see, said I, a huge valley, and a prodigious tide of water rolling through it. The valley that thou seest, said he, is the vale of misery and the tide of water that is thou seest part of the great tide of eternity. What is the reason, said I, that the tide I see rises out of a thick mist at one end, and again loses itself in a thick mist at the other ? What thou seest, said he, is that portion of eternity which is called Time, measured out by the sun, and reaching from the beginning of the world to its consummation. Examine now, said he, this sea that is thus bounded with darkness at both ends, and tell me what thou discoverest in it. I see a bridge, said I, standing in the midst of the tide. The bridge thou seest, said he, is human life, consider it attentively. Upon a more leisurely survey of it, I found that it consisted of threescore and ten entire arches, with several broken arches which added to those that were entire, made up the

riß alle charakteristischen Züge Addisong. Das sind die englischen Nüancen, die ihr classijdjes Zeitalter von dem französischen unterscheiden:

number about an hundred. As I was counting the arches, the genius told me that this bridge consisted at first of a thousand arches; but that a great flood swept away the rest, and left the bridge in the ruinous condition I now beheld it. But tell me further, said he, what thou discoverest on it.

I see multitudes of people passing over it, said I, and a black cloud hanging on each end of it. As I looked more attentively, I saw several of the passengers dropping through the bridge, into the great tide that flowed underneath it; and upon further examination, perceived there were innumerable trap-doors that lay concealed in the bridge, which the passengers no sooner trod upon, but they fell through them into the tide and immediately disappeared. These hidden pitfalls were set very thick at the entrance of the bridge, so that throngs of people no sooner broke through the cloud, but many of them fell into them. They grew thinner towards the middle, but multiplied and lay closer together towards the end of the arches that were entire.

There were indeed some persons, but their number was very small, that continued a kind of hobbling march on the broken arches, but fell through one after another, being quite tired and spent with so long a walk.

I passed some time in the contemplation of this wonderful structure, and the great variety of objects which it presented. My heart was filled with a deep melancholy to see several dropping unexpectedly in the midst of mirth and jollity, and catching at every thing that stood by them to save themselves. Some were looking up towards the heavens in a thoughtful posture, and in the midst of a speculation stumbled and fell out of sight. Multitudes were very busy in the pursuit of bubbles that glittered in their eyes and danced before them; but often when they thought themselves within the reach of them, their footing failed and down they sunk. In this confusion of objects, I observed some with scimetars in their hands, and others with urinals, who ran to and fro upon the bridge, thrusting several persons on trap-doors which did not seem to lie in their way, and which they might have escaped, had they not been thus forced upon them.

I here fetched a deep sigh. Alas, said I, man was made in vain! How is he given away to misery and mortality! tortured in life, and swallowed up in death!

The genius being moved with compassion towards me, bid me quit so uncomfortable a prospect: look no more, said he, on man in the first stage of his existence, in his setting out for eternity; but cast thine eye on that thick mist into which the tide bears the several generations of mortals that fall into it. I directed my sight as I was ordered, and (whether or no the good genius strengthened it with any supernatural force, or dissipated part of the mist that was before too thick for the eye to penetrate) I saw the valley opening at the further end, and spreading forth

ein beschränkterer und mehr praktischer Verstand, eine mehr poetische und weniger beredte Urbanität, eine mehr erfinderische und reiche, jedoch weniger gesellige und feine Geistesart.

shore;

into an immense ocean that had a huge rock of adamant running through the midst of it, and dividing it into two equal parts. The clouds still rested on one half of it, insomuch that I could discover nothing in it : But the other appeared to me a vast ocean planted with innumerable islands, that were covered with fruits and flowers, and interwoven with a thousand little shining seas that ran among them. I could see persons dressed in glorious habits with garlands upon their heads, passing among the trees, lying down by the sides of fountains, or resting on beds of flowers; and could hear a confused harmony of singing birds, falling waters, human voices, and musical instruments. Gladness grew in me upon the discovery of so delightful a scene. I wished for the wings of an eagle, that I might fly away to those happy seats, but the genius told me there was no passage to them, except through the gates of death that I saw opening every moment upon the bridge. The islands, said he, that lie so fresh and green before thee, and with which the whole face of the ocean appears spotted as far as thou canst see, are more in number than the sands on the sea

there are myriads of islands behind those which thou here discoverest, reaching farther than thine eye, or even thine imagination can extend itself. These are the mansions of good men after death, who according to the degree and kinds of virtue in which they excelled, are distributed among these several islands, which abound with pleasures of different kinds and degrees, suitable to the relishes and perfections of those who are settled in them; every island is a paradise accommodated to its respective inhabitants. Are not these, O Mirza, habitations worth contending for? Does life appear miserable, that gives the opportunities of earning such a reward? Is death to be feared, that will convey thee to so happy an existence? Think not man was made in vain, who has such an eternity reserved for him. · I gazed with inexpressible pleasure on these happy islands. At length, said I, show me now, I beseech thee, the secrets that lie hid under those dark clouds which cover the ocean on the other side of the rock of adamant. The genius making me no answer, I turned about to address myself to him a second time, but I found that he had left me; I then turned again to the vision which I had been so long contemplating; but instead of the rolling tide, the arched bridge, and the happy islands, I saw nothing but the long hollow valley of Bagdad, with oxen, sheep, and camels grazing upon the sides of it.

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