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und ausgezeichneter Freunde, die unersättlich waren im Genusse seiner Unterhaltung, umgeben von dem Beifall aller tugendhaften Männer und aller gebildeten Geister Englands. Wenn der Sturz seiner Partei zweimal vernichtend oder störend in den Lauf seines Schicksals einzugreifen schien, er erhielt sich ohne viel Anstrengung durch Ueberlegung und Kaltblütigkeit aufrecht, indent er, auf die Ereignisse gefaßt und ein bescheidenes Lebensloos acceptirend, in natürlicher und erworbener Ruhe sich den Menschen accommodirte, ohne ihnen nachzugeben, indem er, frei von heimlicher Auflehnung und innerem Schmerze, den Großen ehrerbietig begegnete, ohne sich zu erniedrigen. Das sind die Quellen seines Talentes; kann es reinere und schönere geben? kann es etwas Anziehenderes geben, als die Feinheit und Eleganz der vornehmen Welt ohne ihr erkünsteltes Feuer und ihre erlogenen Artigkeiten? Und wird man eine anmuthigere Unterhaltung suchen, als die eines glücklichen Menschen, dessen Wissen, Geschmack und Geist nur verwendet werden, um uns ein Vergnügen zu verschaffen?

III.

Sein Ernst und sein Verstand. Seine gründlichen Studien und seine scharfe Beobachtung. Seine Menschenkenntniß und Erfahrung in den Geschäften. Adel seines Characters und seines Lebens. Erhabenheit seiner Moral und seiner Religion. Wie sein Leben und sein Character zur Anmuth und Nüşs

lichkeit seiner Schriften beigetragen haben. Dieses Vergnügen wird uns nützlich sein. Es redet ein Mann mit uns, der ebenso ernst wie fein ist; er will und kann uns ebenso belehren als amüsiren; er hat eine ebenso gründliche als elegante Bildung genossen; er gesteht selbst in seinem Spectator, daß er dem scherzhaften den ernsten Ton vorzieht. Er ist von Natur nachdenkend, schweigsam, aufmerksam. Er hat die Literatur, die Menschen, die Welt mit der Gewissenhaftigkeit eines gelehrten Beobachters studirt. Wenn er in Italien reiste, so geschah es auf englische Weise: er notirte die Verschiedenheiten der Sitten, die Eigenthümlichkeiten des Bodens, die guten und schlechten Folgen der verschiedenen Regierungsformen; er versah sich mit genauen Berechnungen und ausführlichen Actenstücken über die Steuern, die Sebäude, die Mineralien, das Alima,

die Häfen, die Verwaltung und noch verschiedene andere Dinge *). Ein englischer Lord, der in Holland reist, betritt sehr gern einen Räseladen, um aus eigener Anschauung alle Stufen der Bereitung kennen zu lernen; er kehrt, wie Addisjon, mit genauen und vollständigen statistischen Notizen versehen zurück; diese Masse beglaubigter Informationen bilden die Grundlage des gesunden Verstandes der Engländer. Addison fügte die praktische Erfahrung in den Staatsge= schäften hinzu, denn er war ja abwechselnd oder zu gleicher Zeit Journalist, Barlamentsmitglied, Staatsmann, mit Herz und Hand bei allen Wechselfällen und Kämpfen der Partei betheiligt. Die bloße literarische Bildung erzeugt nur angenehme Plauderer, die die Fähigkeit besigen, Ideen, welche sie nicht haben und die Andere ihnen liefern, auszuTchmücken oder zu veröffentlichen. Wollen die Schriftsteller originell fein, jo müssen sie nicht die Bücher und die Salons, sondern das Leben und die Menschen beobachten; die Unterhaltung mit einzelnen Fachleuten ist ihnen nugbringender, als das Studium vollendeter Zeitperioden; nur insoweit, als sie gelebt und gehandelt haben, werden sie durch sich selbst denken. Addison verstand es zu handeln und zu leben. Wenn man seine Berichte, seine Briefe und Discussionen liest, so fühlt man, daß Politik und Regierung ihm die Hälfte seines Geistes gegeben haben. Anstellungen verschaffen, Geld verwalten, das Geset interpretiren, die Beweggründe der Menschen herausfinden, die Schwanfungen der öffentlichen Meinung vorhersehen, die Nöthigung, gerecht, schnell

, zwanzigmal täglich, über vorliegende wichtige Interessen unter der Beobachtung des Publicums und dem Spionirsystem der Gegner zu urtheilen, das alles nährte seinen Verstand, hob und kräftigte seine Unterhaltungen; ein solcher Mann konnte die Menschheit beurtheilen und berathen; seine Urtheile waren nicht durch angestrengte Gehirnthätigkeit aufgestellte Ausführungen, sondern durch die Erfahrung controllirte Beobachtungen; man konnte ihm über ein moralisches Thema zuhören, wie man einem Physiker über einen physikolischen Gegenstand zuhört; man fühlte, daß er berechtigt jei, man fühlte sich belehrt.

*) Man vergleiche zum Beispiel sein Kapitel über die Republik von SanMarino.

Nach kurzer Zeit fühlte man sich besser; denn man erkannte in ihm sofort eine außerordentlich erhabene, reine Seele, die so ausschließlich nach Redlichkeit strebte, daß sie daraus ihre beständige Sorge und ihr liebstes Vergnügen machte. Er liebte naturgemäß Schönheit, Güte, Gerechtigkeit, Wissen, Freiheit. Schon in seiner frühesten Jugend hatte er sich mit der liberalen Partei verbunden und blieb ihr bis zu Ende treu, indem er das Beste von menschlicher Tugend und Vernunft hoffte und das Elend zeigte, dem die Völker anheimfallen, die mit ihrer Unabhängigkeit ihre Würde preisgeben *). Er verfolgte die großen, neuen Entdeckungen auf dem Gebiete der Physik, um die Idee, die er von dem Werke Gottes hatte, noch zu erhöhen. Er liebte die tiefen und ernsten Gefühle, die uns den Adel unserer Natur und die Vergänglichkeit unseres irdischen Daseins offenbaren. Er benußte all sein Talent und alle seine Schriften, um uns einen Begriff zu geben von dem, was wir werth sind und was wir sein sollen. Von den zwei Tragödien, die er abfaßte oder entwarf, war die eine über den Tod Cato's, des Tugendhaftesten unter den Römern, die andere über den des Sokrates, des Tugendhaftesten unter den Griechen: und doch hatte er am Ende der ersten einen Gewissensscrupel, und aus Furcht, den Selbstmord zu entschuldigen, schrieb er dem Cato Gewissensbisse zu. Seine Oper „Rojamond" endete mit dem Rathe, die ehrbare Liebe den verbotenen Freuden vorzuziehen; sein Spectator, sein Tatler, sein Guardian jind wie die Predigten eines Laien. Vor

*) Letter from Italy to Lord Halifax:

O liberty, thou Goddess heavenly bright,
Profuse of bliss, and pregnant with delight,
Eternal pleasures in thy presence reign,
And smiling plenty leads thy wanton train
'Tis liberty that crowns Britannia's isle,

And makes her barren rocks and her bleak mountains smile.
Er schreibt über die Republik San Marino:

Nothing can be a greater instance of the natural love that mankind has for liberty and of their aversion to an arbitrary government, than such a savage mountain covered with people, and the Campania of Rome, which lies in the same country, almost destitute of inhabitants.

(Remarks on Italy, ed: Hurd, tome I, 406.)

Allem aber handelte er nach seinen Grundsätzen. Als er im Amte war, blieb seine Redlichkeit rein und unbefleckt; er diente den Denschen, oft ohne sie zu kennen, stets umsonst, indem er sogar die versteckten Geschenke zurückwies. Als er nicht mehr im Amte war, blieb seine Loyalität rein und unbefleckt; er blieb seinen Ansichten, seinen Freunden ohne Erbitterung und Erniedrigung treu, er pries fühn seine gefallenen Beschüßer *) und scheute sich nicht, dadurch vielleicht die einzigen Hülfsquellen einzubüßen, die er besaß. Er war edel von Natur, er war es auch aus Ueberlegung. Er meinte, daß die Rechtschaffenheit etwas Vernünftiges sei. Seine erste Sorge, wie er es. nannte, war, seine Leidenschaften auf die Seite der Wahrheit" zu stellen. Er hatte sich im Innern das Bild eines vernünftigen Wesens entworfen und richtete darnach ebenso aus Ueberlegung als aus natürlicher Neigung sein Verhalten ein. Er stüßte jede Tugend auf eine Reihe von Principien und Beweisen. Seine Logik nährte seine Moral, und die Geradheit seines Geistes vollendete die Aufrichtigkeit seines Herzens. Mit seiner echt englischen religiösen Gesinnung verhält es sich ähnlich. Er stüßte seinen Glauben auf eine regelm ige Reihe von historischen Discussionen; **) er erwies das Dajein Gottes durch eine regelmäßige Reihe moralischer Folgerungen; eine äußerst sorgfältige und gründliche Beweisführung war überall der Führer und Urheber seiner religiösen Ueberzeugungen und Gefühle. Bei einer solchen Geistesrichtung liebte er es, Gott als den vernünf= tigen Herrscher der Welt aufzufassen; er verwandelte Zufälligkeit und Nothwendigkeit in Berechnung und Bestimmung; er erblickte in dem Kampfe ums Dasein die ordnende Hand der Vorsehung, er fühlte sich umgeben von der Weisheit, welche er in sich selbst zu pflanzen suchte. Er gab sich Gott vertrauensvol hin, wie ein gutes und gerechtes Wesen, das sich in der Hand eines guten und gerechten Wesens fühlt; er lebte gern in seiner Erkenntniß und in seiner Gegenwart und dachte an die unbekannte Zukunft, die das Wesen des Menschen vollkommen machen und die sittliche Weltordnung vollenden soll. Als sein

*) Zum Beispiel Halifar.
**) Of the Christian Religion.

Ende herannahete, überdachte er sein Leben und entdeckte irgend ein Unrecht gegen Gay; dieses Unrecht war sicherlich recht unbedeutend, denn Gay selbst hatte keine Ahnung davon. Addison ließ ihn an sein Bett kommen und bat ihn um Verzeihung. Als er schon dem Tode nahe war, wollte er noch nüglich sein und ließ seinen Schwiegersohn kommen, den Lord Warwick, dessen Leichtsinn ihn schon mehr als einmal beunruhigt hatte. Er war so schwach, daß er anfangs nicht sprechen konnte. Nachdem der junge Mann eine Zeit lang gewartet hatte, sagte er zu ihm: „Theurer Herr, Sie haben mich holen lassen, ich glaube, ich hoffe, daß Sie mir einige Befehle zu geben haben, sie sollen mir heilig sein.“ Der Sterbende drückte ihm matt die Hand und antwortete leije: ,,Seht, in welchem Frieden ein Christ sterben kann." Einen Augenblick später gab er den Geist auf.

IV.

Der Moralist. Seine Essays sind alle moralisch gegen das sinnliche, rohe und weltliche Leben. Diese Moral ist praktisch und doch trivial und unzusammenhängend. — Wie sie sich auf die Vernunft und Berechnung ftützt. — Wie sie die Befriedigung in dieser und die Glüdseligkeit in jener Welt bezwodt. Speculative Armseligkeit seiner religiöjen Vorstellungen. – Praktisde Vortrefflichkeit

seiner religiösen Vorstellungen. „Der große und einzige Zweck dieser Betrachtungen," sagt Addison in einer Nummer des Spectator's," ist, das Laster und die Unwissenheit aus dem Gebiete Großbritanniens zu verbannen."*) Und er hält Wort. Seine Zeitungen sind völlig moralisch, sie enthalten Rathschläge für die Familien, Verweise für die leichtsinnigen Frauen, die Schilderung des tugendhaften Menschen, Heilmittel gegen die Leidenschaften, Reflexionen über Gott, Religion und zukünftiges Peber Ich weiß nicht, oder vielmehr ich weiß sehr gut, welchen Erfolg eine solche Predigt-Zeitung in Frankreich gehabt hätte. In England war er außerordentlich, gleich dem der glücklichsten modernen Romanschriftsteller. Bei dem allgemeinen Bankerotte der durch die Besteuerung der Presse ruinirten Blätter verdoppelte der Spectator seinen Preis

*) The great and only end of these speculations is to banish vice and ignorance out of the territories of Great Britain. (Spectator, 2° 173.)

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