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Zum Schaffen ist eine ureigne, consequente Conception nöthig; wir
dürfen nicht zwei fremde und einander widerstreitende Conceptionen
vermengen. Dryden hat nicht gethan, was er hätte thun jollen, und
hat gethan, was er nicht durfte.
Er hatte außerdem ein sehr schlimmes, ausschweifendes, frivoles

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innerungen an die Nationalliteratur und durch entstellte Nachahmungen <!icmentes

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fremder Literaturen, von der Bühne nur Sinnenlust und Befriedigung der Neugierde erwartete. In Wirklichkeit macht das Drama, wie jedes Kunstwerk, eine tiefe Idee vom Menschen .oder vom Leben anschaulich; eine Philosophie liegt unter seinen gewaltigen Leidenschaften und Verwidelungen verborgen, und das Publikum muß sie zu verstehen, der Dichter sie zu denken fähig sein. Der Hörer muß energisch und fein gedacht und gefühlt haben, um energische, feine Ideen zu erfassen; Hamlet oder Iphigenie werden nie einen gemeinen Lebemann oder Geldmenschen bewegen. Die Person, die auf der Bühne weint, wiederholt nur unsere eigenen Thränen; unser Interesse ist nur ein sympathisches; und das Drama ist wie eine äußere Gewissensstimme, die uns sagt, was wir sind, was wir erstreben, was wir gefühlt haben. Was, konnte das Drama Spielern sein wie SaintAlbans, Trunkenbolden wie Rochester, feilen Dirnen wie der Castlemaine, greisen Kindern wie Karl II. Was waren das für Zuschauer diese gemeinen Epicuräer, die nicht einmal den Schein der Anständigkeit zu wahren wußten, die nur grobsinnlicher Lust nachjagten, die barbarisch roh in ihren Vergnügungen, objcön in ihren Worten, ohne Ehre, Menschlichkeit und feine Sitte, den Hof zu einem verrufenen Hause machten. Die prachtvollen Decorationen, der Scenenwechsel, das Gewirr langer Verse und unnatürlicher Gefühle, die Beobachtung einiger von Paris gebrachten Regeln das war die naturgemäße Nahrung für ihre Eitelkeit und Thorheit, das war das Theater der englischen Restauration.

Ich nehme eine dieser Tragödien, die damals sehr berühmt war, „Tyrannic Love, or the Royal Martyr.“ Ein schöner, effectvoller Titel. Die königliche Märtyrin, die Heilige Catharine, wie es scheint eine Prinzessin von königlichem Blut, ist vor den Tyrannen

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Marimin geführt. Sie bekennt ihren Glauben, und ein heidnischer Philosoph, Apollonius, wird ihr gestellt, um sie zu widerlegen. Marimin sagt:*)

Krieg ist mein Amt! Was ftehft Du, Priester, ftumm?

Du lebft vom Himmel und mußt streiten drum.
Ermuthigt fängt der Priester zu disputiren an; aber die Heilige
Catharine argumentirt mit Nachdruck:

Vernunft schon muß mit Eurer Lehre ftreiten:
Viel Sötter wären viel Unendlichkeiten;
Dies war den ersten Philosophen schon bekannt,

Ein Gott nur ward verehrt, viele benannt. Apollonius kratzt sich ein wenig hinter dem Ohr, dann antwortet er, daß es große Wahrheiten und gute moralische Lehren im Heidenthume gebe. Die fromme Denkerin antwortet schlagfertig:

So mag allein besdränten sich der Streit

Auf diese Lehren, die der Christenheit. Aus dem Sattel gehoben bekehrt sich Apollonius sofort, insultirt den Fürsten, der plößlich die Heilige Catharine sehr schön findet, sich in sie verliebt und Wortspiele macht:

Fern könnt ich sie dem Martertode weih'n,
Nur noch ein Blic, und ich fühl Marterpein. **)

*) War is my province! Priest, why stand you mute?
You gain by heaven, and, therefore, should dispute.

Catharine:
Then let the whole dispute concluded be
Betwixt these rules and christianity
... Reason with your fond religion fights,
For many Gods are many infinites;
This to the first philosophers was known,
Who under various names adored but one.

(II, 1.) **) Absent, I may her Martyrdom decree,

But one look more will make that martyr me
Dieser Maximin hat eine Neigung für Wortspiele. Porphyrius, dem er seine
Tochter zur Ehe anbietet, sagt, die Entfernung sei zu groß. Darauf erwidert
Marimin:

Yet Heav'n and Earth which so remote appear,
Are by the air, which flows betwixt'em, near.

In diesem Dilemma sendet er einen vornehmen Offizier ab, um der Heiligen Catharine seine Liebe zu erklären; dieser citirt und lobt die Götter der Epikuräer; jofort trägt sie die Lehre vom Endzwed vor, welche die von den Atomen umstoße. Marimin kommt selbst und sagt zu ihr:

Da Ihr verschmähet meine Glut so heiß,
Ich, Fürftin, Eud noch andre Gluten weiß. *)

Da bietet sie ihm beleidigend Trok, nennt ihn einen Sclaven und geht ab. Von solchem zarten Benehmen gerührt, will er sie zur rechtmäßigen Gattin erheben und seine Frau verstoßen. Um jedoch nichts unversucht zu lassen, gebraucht er einen Zauberer, der (auf der Bühne) Verschwörungen anstellt, die unterirdischen Geister citirt und eine Schaar Amoretten herbeiführt, die um das Bett der heiligen Catharine tanzen und wollüstige Lieder singen. Ihr Schußengel kommt dazu und verjagt sie. Als leytes Zufluchtsmittel läßt Marimin ein Rad auf die Bühne bringen, um die heilige Catharine und ihre Mutter darauf zu flechten. Als man schon im Begriff ist, die Heilige zu entkleiden, steigt - sehr zur rechten Zeit – ein sittsamer Engel herunter und zerbricht das Rad; darauf werden sie fortgeführt und hinter der Scene hingerichtet. Rechne man zu solchen hübschen Erfindungen eine doppelte Intrigue, die Liebe von Marimin's Tochter Valeria zu Porphyrius, dem Anführer der Prätorianer, und die des Porphyrius zu Marimin's Weib Berenice, dann eine plögliche Katastrophe, dreifachen Morð und den Triumph der Guten, die sich heirathek und Artigkeiten sagen

das ist diese Tragödie, die sich französisch nennt; und die meisten andern gleichen ihr. In „Secret Love“, in „Marriage à la Mode“, in „Aureng-Zebe“, in „The Indian Emperor“ und besonders in „The Conquest of Granada“ ist Alles extravagant Man haut sich in Stücke, man erobert Städte, man erdolcht sich und declamirt aus vollem Halse. Diese Dramen haben genau die Wahrheit und Natur eines Opernlibrettos. Es wimmelt von Beschwörungen. Ein Geist erscheint in „The Indian Emperor“ und erklärt, daß die

*) Since you neglect to answer my desires,

Know, princess, you shall burn in other fires. (III, 1.)

indianischen Gottheiten das Land verlassen. Man findet auch Ballets. Vasquez und Pizarro sißen in einer lieblichen Grotte und betrachten als Eroberer die Tänze der indianischen Mädchen, die in sinnlicher Lüsternheit sie umschwärmen. Scenen eines Lulli würdig fehlen nicht: Wie Armida, kommt Almeria, um Cortez im Schlafe zu tödten und wird plößlich von Liebe zu ihm ergriffen. Die Operntexte enthalten jedoch keine Ungereimtheiten; sie vermeiden Alles, was der Phantasie oder den Augen anstößig sein könnte; sie sind für Leute von Geschmack geschrieben, die alles Häßliche und Plumpe meiden. Sollte man es glauben? In „The Indian Emperor“ wird Montezuma auf der Bühne gefoltert, und um das Maß vollzumachen, sucht ein Priester ihn unterdessen zu bekehren. *) In dieser gräßlichen Bedanterie erkenne ich die feinen Ravaliere jener Zeit wieder, philosophirende Henker, die sich von Kontroversen nährten und zu den Hinrichtungen der Puritaner wie zu einem amüsanten Schauspiele eilten. Hinter diesem Gewirr von Unwahrscheinlichkeiten und Abenteuerlichkeiten erkenne ich die kindischen und blasirten Höflinge wieder, die vom Weine betäubt, das grelle Mißverhältniß übersehen, deren Nerven nur durch den Zusammenstoß überraschender, gräßlicher Ereignisse erregt wurden.

*)

Christian Priest:
But we by martyrdom our faith avow.

Montezuma:
You do no more than I for ours do now.
To prove religion true,
If either wit or sufferings would suffice,
All faiths afford the constant and the wise,
And yet even they, by .education sway'd,
In age defend, what infancy obeyed.

Christian Priest:
Since age by erring childhood is misled,
Refer yourself to our unerring head.

Montezuma:
Man, and not err! what reason can you give ?

Christian Priest:
Renounce that carnal reason, and believe ...

Pizarro:
Increase their pains, the cords are yet too slack.

(V, 2.)

Sehen wir noch weiter zu. Dryden will auf seiner Bühne die Schönheiten der französischen Tragödie, vor Adem den Adel der Gesinnung einführen. Genügt es aber allein, wie er es thut, chevalereske Phrasen zu copiren? Er braucht eine ganz neue Welt, denn nur eine solche kann edle Seelen zeugen. Bei den französischen Tragikern ist die Tugend auf Vernunft, Religion, Erziehung, Philosophie gegründet. Thre Charaktere besigen jene Geradheit des Geistes, jene Klarheit des Denkens, jene Erhabenheit des Urtheils, welche feste Grundsäge und Selbstbeherrschung in einen Menschen pflanzen. In ihrer Nähe erkennt man die Doctrinen eines Bossuet und Descartes; der Verstand unterstüßt in ihnen das Gewissen; die Sitten der Gesellschaft fügen Feinheit und Tact hinzu. Das Vermeiden leidenschaftlicher Handlungen und physischer Gräuel, das richtige Verhältniß in der Anordnung des Stoffes, die Kunst, gemeine und niedrige Charaktere zu verhüllen oder zu vermeiden, die stete Meisterschaft eines maßvollen und edlen Stiles Alles trägt dazu bei, die Bühne in eine ideale Welt zu verseken, und wir glauben an höhere Wesen, weil wir sie in einer reineren Sphäre schauen. Rann man an sie bei Dryden glauben ? Gräßliche, elende Charaktere ziehen uns durch ihre Roheiten fortwährend in ihren eigenen Roth hinab. Marimin erdolcht den Placidius, segt sich auf den Leichnam, stößt noch zweimal mit dem Dolche zu und befiehlt den Garden:

Bringt todt die Kaiserin und Porphyrius mir: *)
In jeder Hand ein Haupt, trok', Zeus, ich Dir.

Nourmahal, vom Sohne ihres Gatten zurückgewiesen, dringt viermal in ihn mit der schamlosesten Sophistik. **) Die Illusion

*) Bring me Porphyrius and my Empress dead,

I would brave Heav'n, in my each hand a head.
Er sagt sterbend:

And shoving back this earth on which I sit,

I'll mount, and scatter all the gods I hit.
**) And why this niceness to that pleasure shown,

Where Nature sums up all her joys in one ...
Promiscuous love is Nature's general law;
For whosoever the first lovers were,

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